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Ursachen von Tinnitus

Psychische Ursachen für Tinnitus

Zuletzt aktualisiert am: 16.02.2017 17:39:53
Frau mit seelischen Problemen leidet an Tinnitus

Der Einfluss der Psyche bei Ohrgeräuschen

Eine Vielzahl der verschiedensten Ursachen wird für die Entstehung von Tinnitus vermutet. Dass Tinnitus seinen Ursprung auch in der Psyche haben kann, wollen viele Menschen nicht wahr haben. Noch immer ist der Umgang mit seelischen Krankheiten wie Depressionen, Burn-Out-Syndrom oder Angsterkrankungen in Deutschland nicht so offen wie er sein sollte, noch immer werden psychische Leiden mitunter belächelt oder fälschlicherweise als minderwertig betrachtet. Für Menschen, die von Tinnitus betroffen sind, ist es wichtig, den Zusammenhang zwischen den plagenden Geräuschen im Ohr und der Psyche zu verstehen, denn häufig lässt sich einfach keine körperliche Ursache für den Tinnitus finden. Auch lässt sich aus körperlichen Befunden nicht vorhersagen, ob ein akuter Tinnitus wieder verschwindet, ob er kompensiert (also ohne Leidensdruck) bestehen bleibt oder ob sich der Patient auf ein langfristiges „Leiden“ am Tinnitus einstellen muss. In diesem Fall spricht man von einem dekompensierten Tinnitus.

Psychische Krankheiten und Tinnitus treten sehr oft gemeinsam auf. Bei 90% aller Menschen, die mit einem dekompensierten, chronischen Tinnitus und hohen Leidensdruck in einer Tinnitus-Klinik behandelt werden, lässt sich gleichzeitig eine Depression feststellen. Für die Ärzte ist es nicht leicht zu beurteilen, ob die Depression erst infolge der dauerhaften Ohrgeräusche auftrat oder ob eine depressive oder ängstliche Grundstruktur des Patienten dazu geführt hat, dass sich ein Tinnitus entwickeln konnte.

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Tinnitus und seine kognitiv-emotionale Verarbeitung

Die Frage liegt nah: Warum reagieren manche Menschen negativ auf die Ohrgeräusche und entwickeln ein Leiden am Tinnitus und warum können andere ihn einfach „überhören“? Lerntheoretische Ansätze erklären den Zusammenhang zwischen Tinnitus und Hörverarbeitung: Eine mangelnde Gewöhnung (Habituation) an die Ohrgeräusche führt dazu, dass der Ton nicht als normales Hintergrundgeräusch in die Hörwahrnehmung integriert und vom Gehirn ignoriert werden kann.

Negative Gedanken und unrealistische Bewertungen führen dazu, dass ein Tinnitus als akute Bedrohung für die eigene Gesundheit wahrgenommen wird:

  • „Ich werde verrückt vom Tinnitus.“
  • „Ich höre durch den Tinnitus schlechter.“
  • „Der Tinnitus wird mein Leben zerstören.“
  • „Der Tinnitus ist dazu da, mich zu bestrafen.“

Anfällig sind Menschen, mit geringem Selbstwertgefühl und niedriger Frustrationstoleranz. Menschen, die zu negativem Denken neigen. Auch soziale Isolation kann in solch einen Teufelskreis hineinführen, der die Tinnituswahrnehmung immer weiter verstärkt. Manche entwickeln ein starkes Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit gegenüber dem Ohrensausen. Wächst sich ein Tinnitus zu emotionalem Stress aus, führt er schnell zu Schlafstörungen, Konzentrationsschwäche bis hin zur Entwicklung psychischer Erkrankungen.

Tinnitus und Angst

Ein Tinnitus kann sich auch als eine Art Warnsymptom bemerkbar machen. Menschen, die sich ängstlich auf körperliche Signale fixieren, fällt es oft schwer, sich an einen chronischen Tinnitus zu gewöhnen. Unter hoher psychischer Belastung steigt die Ausschüttung von Stresshormonen, die einen Tinnitus als „Alarmsignal“ auslösen können (darin steckt auch das Wort Lärm). Verschwendet man zu viele Gedanken an den Tinnitus und horcht beständig auf das Pfeifen im Ohr, kann es zur Verstärkung des Signals im Hörzentrum des Gehirns kommen: Der Tinnitus wird lauter und präsenter. Ein negativer Lernprozess, der sich vermeiden lässt!

Psychosomatik und Tinnitus

Treten die Ohrgeräusche ohne Hörstörung auf, sollte eine seelische, psychosomatische Ursache untersucht werden. Die Psychosomatik ein Zweig der Medizin, der Leib und Seele (Soma und Psyche) in ursächlichem Zusammenhang betrachtet. Dafür müssen ein paar Begriffe geklärt werden:

  • Somatisierung ist ein Prozess, in dem sich seelische (unbewusste) Konflikte, die nicht mehr verarbeitet werden können, als körperliche Symptome ausdrücken. Bei einer Angsterkrankung kann das Herzrasen sein – oder eben auch ein Tinnitus. Oft hat eine solche Störung Symbolcharakter, daher kann die psychische Ursachenforschung sehr hilfreich sein, indem sie etwa ursächliche Verbindungen zu belastenden Lebensereignissen herstellen kann.
  • Die Neurose ist ein Konzept der Psychoanalyse. Es bezeichnet den mehr oder weniger gelungenen Versuch des Unbewussten, frühkindliche seelische Konflikte und damit einhergehende unangenehme Gefühle wie Angst, Trauer oder Wut zu vermeiden, indem ein bestimmtes Verhalten an den Tag gelegt wird. Manchmal jedoch entstehen im Leben der neurotischen Person heftige Konflikte und die weitere unbewusste Konfliktverarbeitung misslingt. Stattdessem wird ein krankhaftes Symptom zur Bewältigung entwickelt – das kann zum Beispiel ein Tinnitus sein. Bei Tinnitus-Patienten hat die Tiefenpsychologie vor allem depressive und zwanghafte Charaktere beobachtet.

Tinnitus, Depression und Zwang

Ein Mensch der an Depression erkrankt, sucht die Schuld für seinen Tinnitus eher bei sich selbst. Depressive Menschen opfern sich häufig in Beruf oder Familie auf, der Ausbruch von Depressionen kann zuweilen auch als Ausdruck unterdrückter Wut gesehen werden. Dass Tinnitus und Depressionen einander bedingen können, konnte kürzlich auch grafisch belegt werden. Eine Studie, die die Gehirne von Tinnitus-Patienten in Augenschein nahm, konnte nachweisen, dass MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) in Phasen der Depression auch Aktivierungen im Hörzentrum zeigten. Zwanghafte Menschen mit Tinnitus haben ein überstarkes Kontrollbedürfnis und erleben die Ohrgeräusche als unkontrollierbar und unbeherrschbar. Für Betroffene ist es sehr wichtig zu verstehen, sich der Möglichkeit der Behandlung seelischer Ursachen nicht zu verschließen. Sie ist eine wertvolle Möglichkeit für die Konfliktlösung, für die Bewältigung verdrängter Gefühle und für das Erlernen eines positiven, entspannten Umgangs mit den Ohrgeräuschen.  

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin