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Ursachen von Tinnitus

Ohrgeräusche durch Störungen der Halswirbelsäule

Zuletzt aktualisiert am: 02.11.2017 12:06:05
Frau leidet an Tinnitus aufgrund von Halswirbelbeschwerden

Tinnitus als Folge von Nackenverspannungen?

Schulter- und Nackenverspannungen kennt wahrscheinlich jeder, der einem Bürojob nachgeht, Sport treibt oder eine Nacht in einer unbequeme Schlafposition verbracht hat. Halswirbelsäule, Kiefergelenk, Ohr und Hörnerv stehen in engem anatomischem Zusammenhang. Es ist daher anzunehmen, dass Erkrankungen der Halswirbelsäule eine häufige Ursache von Tinnitus sind. Oder?

Tatsächlich treten Funktionsstörungen der Halswirbelsäule bei Tinnitus häufiger begleitend als ursächlich auf. Beide Symptome können zusammen auftreten: Sind wir zum Beispiel aufgrund eines stressigen Alltags angespannt, können muskuläre Verspannungen um die Halswirbelsäule entstehen. Diese Verspannungen können einen bereits bestehenden Tinnitus verstärken. Andererseits können sich beide Faktoren auch umgekehrt bedingen. Chronische Ohrgeräusche führen zu hohem Leidensdruck, der zu Verspannungen der Halswirbelsäulen- und Kaumuskulatur führen kann. „Henne und Ei“ sind manchmal schwer auseinander zuhalten und die Rolle der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks bei Tinnitus wird oft überschätzt.  

Funktionsstörungen der Halswirbelsäule

Tinnitus kann aber durchaus aufgrund von Funktionsstörungen der Halswirbelsäule entstehen.
Dafür gibt es drei ursächliche Mechanismen:

  • Neurogen (vom Nerv ausgehend): von den Nerven der filigranen Muskulatur der Halswirbelsäule zu den Kerngebieten des Hörnervs im Gehirn gibt es direkte hinführende (afferente) Nervenverbindungen.
  • Myogen (vom Muskel ausgehend): die Muskelspannung (Tonus) der Muskulatur der Halswirbelsäule erhöht sich bei Schmerzzuständen wie zum Beispiel nach einem Schleudertrauma oder einer Zahnbehandlung. Von Kiefergelenk und Halswirbelsäule ausgehende Schmerzen können Tinnitus verursachen.
  • Durchblutung: äußerst selten kommt es zu Durchblutungsstörungen im Bereich der Kerngebiete des Hörnervs im Gehirn. Dies kann der Fall sein, wenn die Arteria vertebralis (das Blutgefäß, das direkt neben der Wirbelsäule entlangläuft und in den Blutkreislauf im Gehirn mündet) zu wenig Blut führt. Gefäßmissbildungen oder eine Geschwulst könnten dann einen pulssynchronen Tinnitus verursachen. So könnte eine Störung im Gebiet der Halswirbelsäule einen pulsierenden Tinnitus, also einen objektiven Tinnitus verursachen. Viele Betroffene vermuten diese seltene Ursache bei sich. Tatsächlich ist es häufig aber der vielversprechendere Weg, für mehr Entspannung im Alltag zu sorgen. Stress als Ursache für Tinnitus ist nämlich weit verbreitet.

So sind neurogene und myogene Mechanismen häufigere Auslöser für einen „Halswirbelsäulen-Tinnitus“. Um dies zu verstehen, kann man sich den Aufbau der Halswirbelsäule veranschaulichen: Sieben Halswirbel hat die Wirbelsäule. Atlas, Held der griechischen Mythologie war Namensgeber für den ersten Halswirbelkörper, denn Atlas trägt die Welt auf seinen Schultern - unser knöcherner Kopf und der Atlas-Wirbelkörper bilden ein Gelenk. Axis, der zweite Halswirbelkörper zusammen mit dem dritten Halswirbelkörper ermöglichen uns die größte Bewegungsfreiheit – wir können den Kopf nach links und rechts drehen (Rotation), nach vorn und hinten neigen und schräg kippen. Verständlich, dass bei so viel Spielraum das Risiko für Störungen ebenso groß sein kann.

Ursachen für Ohrgeräusche, die von Störungen der Halswirbelsäule (HWS) ausgehen

  • Blockaden der oberen Halswirbel durch Überkopfarbeiten, einseitiges Arbeiten am PC, Kälteeinwirkung. Ein Bandscheibenvorfall der Halswirbelsäule kann Tinnitus auslösen.
  • Fehlstellungen der HWS wie Schiefhals (HWS-Skoliose). Diese Fehlstellungen können auch durch eine Verkettung von weiter unten kommen wie durch fehlende Rückenmuskulatur, ein Beckenschiefstand oder ein verkürztes Bein.
  • Ein Schleudertrauma bei einem Unfall mit Aufprall des Kopfes kann die Halswirbelsäule verletzten und Tinnitus auslösen, oder auch direkt den Hörnerv durch einen Felsenbeinbruch schädigen.
  • Falsche oder zu grobe Chiropraktik kann zu einer Blockade der Halswirbelsäule oder einer Überdehnung der Gelenke führen und Tinnitus verursachen.
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Symptome, Diagnose und Behandlung

Wenn Tinnitus durch eine Funktionsstörung der Halswirbelsäule verursacht wurde, dann nimmt der Betroffene ein einseitiges Ohrgeräusch wahr. Dieses ist als tiefes Brummen oder Rauschen zu hören, das mit einer Kopfdrehung ausgelöst werden kann. Schwindel begleitet oft den Tinnitus der Halswirbelsäule. Auch zu Hörstörungen kann es kommen. Dies sieht der Hals-Nasen-Ohren-Arzt im Tonschwellenaudiogramm als Abfall der Hörkurve im Tieftonbereich.

Wichtig ist dann die gezielte Diagnostik der Wirbelsäule beim Orthopäden. Dieser tastet die Wirbelsäule und spezifische Schmerzpunkte ab, untersucht seinen Patienten auf Fehlhaltungen und Fehlstellungen der Wirbelkörper. Anschließend wird ein Röntgenbild der Wirbelsäule gemacht, oder auch eine Kernspintomografie.

Liegt die Ursache für den Tinnitus in einer Funktionsstörung der Halswirbelsäule, so ist eine gute Zusammenarbeit zwischen den behandelnden Ärzten und der Physiotherapie (Krankengymnastik) wichtig. Schmerzmedikamente und Neuraltherapie mit Lokalanästhetika (Betäubungsmittel) lindern die Schmerzen und machen das Auflösen der Blockaden erst möglich. In der Chiropraktik wird heute sanfter als früher vorgegangen – grobes Einrenken der Halswirbel sollte der Vergangenheit angehören. Auch eine klassische Massage ist jetzt fehl am Platz. Kälteanwendungen helfen ebenso wie langfristige gezielte Krankengymnastik mit Haltungskorrektur.

Wird die Halswirbelsäule rasch behandelt, sind die Heilungschancen bei akutem Tinnitus ausgesprochen gut. Ein chronischer Tinnitus durch Funktionsstörungen der Halswirbelsäule und des Kiefergelenks ist hingegen oft schwierig zu behandeln.  

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin