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Medizin und Forschung

Studien

Zuletzt aktualisiert am: 12.11.2015 13:18:02

Für Tinnitus gibt es so viele unterschiedliche Behandlungsformen wie Erklärungsansätze über seine Ursachen. Als Betroffener findet man sich in einem Dschungel aus Therapieangeboten wieder, über deren Wirksamkeit selten eindeutige Aussagen getroffen werden können. Zwar findet sich durchaus eine Vielzahl an Betrachtungen, Erhebungen und Studien zum Tinnitus, die in der medizinischen Forschung in der Vergangenheit durchgeführt wurde, doch Studie ist nicht gleich Studie. Gerade neuen Behandlungsverfahren, die werbewirksam angepriesen werden, sollte mit gesunder Skepsis begegnet werden. Nicht gerade selten fehlt es diesen an wissenschaftlichen Standards. Ein Kurzüberblick zu Studienlage und aktuellen Forschungsansätzen zur Tinnitus-Therapie. 

Studien zu Medikamenten bei chronischem Tinnitus

Die Behandlung mit Medikamenten bei akutem Tinnitus ist schon nicht einfach – doch bei chronischem Tinnitus gibt es immer noch keinen hilfreichen Wirkstoff.

Die Forschung beschäftigt sich mit verschiedenen Wirkstoffgruppen. Intensiver bearbeitet wurden im letzten Jahrzehnt die Neurotransmitter- und Rezeptorantagonisten. Das sind Wirkstoffe, die eine Blockierung von Botenstoffen bewirken, die bei Tinnitus übermäßig vorhanden sind und die Ohrgeräusche verstärken. Arzneimittelstudien haben vier Phasen der klinischen Prüfung, bevor sie auf den Markt kommen. Hoffnung machte einige Zeit der NMDA-Rezeptorantagonist Neramexane. Er wurde von der Pharmafirma Merz erforscht und ging schon in die Phase lll über, doch 2011 zerschlug sich die Hoffnung auf ein wirksames Arzneimittel. Der Wirkstoff erwies sich in drei internationalen Untersuchungen schließlich als nicht effektiv zur Behandlung von chronischem Tinnitus. Auch alle anderen chemischen Wirkstoffe, die bislang erforscht worden sind, brachten keine besseren Ergebnisse oder schafften es aufgrund enorm hoher Nebenwirkungen im Labor oder beim Tier noch nicht einmal bis in die Arzneimittelstudie.

Anders sieht es beim pflanzlichen Wirkstoff Ginkgo biloba aus: im Rahmen einer Auswertung (Holstein, 2000, aus: Schilcher et al. 2010) wurde in insgesamt acht kontrollierten Studien zu Tinnitus eine deutliche Besserung unter Einnahme von Ginkgo biloba-Extrakt festgestellt. Eine Reihe offener Studien konnte ebenfalls eine Besserung des akuten sowie des chronischen Tinnitus feststellen. Allerdings half Ginkgo auch hier bei aktuem Tinnitus besser. Ein Wundermittel ist der Ginkgo-Extrakt aber nicht. Dem einen hilft er, dem anderen hilft er auch nicht weiter. Zumindest ist seine Anwendung risikofrei. Nebenwirkungen konnten nicht festgestellt werden.

Ausblick: Gentherapie bei Tinnitus?

Circa 30.000 bis 40.000 Gene finden Platz auf unserem Erbgut, allein 5-10% davon werden im Ohr aktiv (exprimiert). Da ist es einfach, sich vorzustellen, dass die Erforschung dieser Gene auch für die Behandlung von Tinnitus eine wichtige Rolle spielen könnte.
Die Gentherapie möchte Behandlungsverfahren entwickeln, die
  • den programmierten oder vorzeitigen Zelltod an den Haarzellen im Innenohr und den Schaltstellen des Hörnervs aufhalten kann,
  • die Aktivierung und Deaktivierung derartiger „Hör-Gene“ beeinflussen kann,
  • Haarzellen und Nervenzellen der Hörbahn, die sich normalerweise nicht regenerieren können regenerierbar machen, zum Beispiel durch Einpflanzung von Stammzellen (Vorläuferzellen von Haarzellen).
Doch noch hat auch die Gentherapie kein brauchbares Verfahren entwickelt, das in absehbarer Zeit auf den Markt gelangen könnte.
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Neue Verfahren, um den Tinnitus „abzuschalten“

Zu den in den letzten Jahren neu entwickelten Behandlungsverfahren bei chronischem Tinnitus gehören die Transkranielle Magnetstimulation, die CR-Neuromodulation und eine spezielle Form der Musiktherapie. Die Transkranielle Magnetstimulation ist eine Stimulierung der Hörzentren im Gehirn mit magnetischen Wellen und wird nur an spezialisierten Zentren durchgeführt. Auch die CR-Neuromodulation ist seit kurzem auf dem Markt und arbeitet mit akustischen Signalen, die die Überaktivität der vom Tinnitus betroffenen Nervenzellen reduzieren sollen. Die neue Musiktherapie von Christo Pantev vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse der Universität Münster soll fehlgesteuerte Nervenzellen dazu bewegen, sich umzuorganisieren. Diese Verfahren müssen sich im Endeffekt erst noch beweisen und haben in Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen geführt.

Kombinationstherapie zur Bewältigung bei chronischem Tinnitus

Trotz jahrzehntelanger Forschung kann man bei vielen Ergebnissen meinen, die Forschung zu Tinnitus stecke immer noch in den Kinderschuhen. Doch für die Behandlung schwerer Fälle von chronischem Tinnitus wurde kürzlich eine niederländische Studie von Wissenschaftlern der Universität Maastricht veröffentlicht, die Hoffnung macht. Die Studie wurde in „The Lancet“ veröffentlicht (Cima et al., 26. Mai 2012) und als sehr gut bewertet im wissenschaftlichen Vorgehen. Darin 

Darin verglich man bei sehr vielen Patienten mit chronischem Leiden an Tinnitus eine Standard-TRT (Tinnitus-Retraining-Therapie) mit einer Kombinationstherapie mit den Elementen TRT, Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie), Hörtherapie, Entspannungsverfahren und anderer. Essenz der Untersuchung: Eine Kombinationstherapie kann durchaus gute Ergebnisse erzielen. Patienten, die sich einem speziellen, ganzheitlichen Behandlungsprogramm unterzogen, berichteten auch noch ein Jahr nach Studienende von einer deutlichen Verbesserung in ihrer Lebensqualität. 

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin