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Wissenswertes

Anatomie und Physiologie des Hörens

Zuletzt aktualisiert am: 24.06.2016 15:34:17

Wie und wo entsteht Tinnitus? Im Ohr, also dort, wo aus dem Aufprall von Schallsignalen der anatomische Prozess des Hörens entsteht? Oder spielt uns das Gehirn einen Streich und das Ohrgeräusch, das wir Tinnitus nennen, existiert im physikalischen Sinne gar nicht? Da jede Krankheit Tinnitus verursachen kann, die mit dem Hören in Verbindung steht, ist ein Grundwissen über den Aufbau des Gehörs und die Entstehung des Hörens sehr hilfreich.

Wie funktioniert das Hören? Wie werden Schallwellen im Ohr weitergeleitet und in elektrische Informationen umgewandelt, die dann im Gehirn zur Hörwahrnehmung führen? Und warum berührt das Hören eigentlich unsere Gefühlswelt, zum Beispiel beim Hören von Musik? Keine Frage, das menschliche Gehör ist ein wissenschaftliches Faszinosum.

Musik kann uns zum Lachen und Weinen bringen. Tinnitus, das ungeliebte Ohrgeräusch, führt manche Menschen hingegen vor allem zur Verzweiflung. Denn ebenso wie das Hören an sich kann man den Tinnitus nicht abschalten. Die Augen kann man schließen, doch die Ohren bleiben immer offen und empfänglich für Geräusche, auch nachts im Schlaf. Für den Steinzeitmenschen war das sehr wichtig – um zur Not aufzuschrecken und fluchtbereit zu sein, wenn ein alarmierendes Geräusch in sein Bewusstsein vordrang.

Das Außenohr als Entstehungsort für Tinnitus

Unser Hörorgan, das Ohr, besteht aus dem Außenohr, dem Mittelohr und dem Innenohr. Das Außenohr besteht aus der sichtbaren Ohrmuschel und dem Gehörgang. Hier wird der Schall wie in einem Trichter zum Trommelfell geführt, das von den Schallwellen in Schwingung versetzt wird. Ganz in der Nähe liegt das Kiefergelenk, auch der erste Halswirbel ist nicht weit entfernt. Krankheiten, die das Kiefergelenk oder die Halswirbelsäule betreffen, können deshalb an einem Tinnitus beteiligt sein. Der Gehörgang produziert Ohrenschmalz. Bildet sich durch zu häufiges Reinigen mit dem Wattestäbchen ein Pfropf aus dem Ohrenschmalz, so kann er den Gehörgang abdichten und Tinnitus verursachen.

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Das Mittelohr als Entstehungsort für Tinnitus

Hinter dem Trommelfell befindet sich das Mittelohr, in dem die drei Strukturen Amboss, Hammer, und Steigbügel liegen, die den Schall verstärken und zum Innenohr weiterleiten. Ihre Stellung wird durch zwei Muskeln reguliert, die das Mittelohr vor zu starkem Schall schützen. In diesem Fall fangen sie an zu zucken – man hört ein „Klacken“ – eine Form des objektiven Tinnitus, also einem Tinnitus, der durch eine nachweisbare Schallquelle ausgelöst wird. Der Tubengang, der zum Rachenraum führt, belüftet das Mittelohr. Ist die Tube (Ohrtrompete) verlegt, so kann durch fehlenden Druckausgleich Tinnitus entstehen. Auch Mittelohrentzündungen können Tinnitus verursachen.

Das Innenohr als Entstehungsort für Tinnitus

Das Innenohr liegt eingebettet im knöchernen Felsenbein und beherbergt die Schnecke als Teil des Hörorgans und die Bogengänge als Gleichgewichtsorgan. In der Schnecke findet die Umwandlung der mechanischen Schallwellen in elektrische Erregung statt, denn nur so kann der Schall als Reiz im Hörnerv zum Gehirn transportiert werden. Für diese Umwandlung sind die Haarzellen zuständig, die durch die Schallwellen im flüssigkeitsgefüllten Raum bewegt werden. 48.000 von ihnen befinden sich dort, jede für eine unterschiedliche Tonhöhe – Präzisionsarbeit der Natur.

Am Eingang der Hörschnecke findet man die Haarzellen für die hohen Töne, am Ende für die tiefen Töne. Das erklärt, warum bei Hörsturz und Tinnitus in der Regel ein sehr hoher Pfeifton einsetzt. Da die Haarzellen für die hohen Töne sich an vorderster Front befinden und als erste von Lärmschäden betroffen sind. Ein typischer Entstehungsmechanismus für akuten Tinnitus. Denn wo die Erregung der Haarzelle fehlt, wird der Tinnitus als eine Art „Ersatzton“ produziert. Ferner können die komplexen chemischen und motorischen Vorgänge, die zur Entstehung des elektrischen Signals führen, und die Übertragung des Signals auf den Hörnerv gestört sein.

Hörbahn und Hörrinde als zentraler Entstehungsort für chronischen Tinnitus

Der Hörnerv nimmt nun das elektrische Signal der Haarzellen auf und leitet es über die Hörbahn durch das Gehirn zur Hörrinde. Hier entsteht die Hörwahrnehmung. Letztendlich erforscht sind diese neurobiologischen Vorgänge noch lange nicht – das Hören in seiner ganzen Tiefe und Feinheit, die Verknüpfung zum Sprachverständnis, die Erinnerung durch Speicherung von Hörwahrnehmung – es sind hochkomplexe Vorgänge, und die entsprechenden Gehirnbahnen entwickeln sich während der frühen Kindheit.

Produziert das Innenohr ein falsches Signal, so wird auch dieses Ohrgeräusch über den Hörnerv und die Hörbahn zur Hörrinde gelangen – der Tinnitus wird gehört. Warum aber bleibt ein Tinnitus manchmal dauerhaft bestehen, wenn die Ursache im Ohr schon längst Vergangenheit geworden ist? Die Hörbahn führt mitten durch das Stammhirn. Der archaische Name verrät schon seine Funktion: Atmung und Herzschlag werden reguliert für Kampf- oder Fluchtbereitschaft – vom Steinzeitmensch bis zum modernen Schnäppchenjäger. Stresshormone werden ausgeschüttet wenn ein Alarmsignal durch das Stammhirn schießt – ein Daueralarmton wie Tinnitus kann Dauerstress auslösen. Dauerstress wiederum kann den Tinnitus verstärken. Erst in der Hörrinde findet das bewusste Hören statt Tinnitus kann chronisch werden, da sich der Betroffene auf „sein“ Ohrgeräusch fixiert, das ihn beunruhigt. Dies ist ein sehr ungünstiger Lernprozess, der dazu führt, dass Tinnitus nur noch im Gehirn stattfindet, nicht als eingebildeter Ton, sondern als tatsächliche Stimulation in der Hörrinde. Dann hat der Tinnitus ein scheinbares Eigenleben entwickelt.

Das limbische System im Gehirn als ein Zentrum für Gefühle ist mit den Gehirnzentren in denen Hören und Tinnitus entsteht eng verknüpft. Es spricht gefühlvoll auf Musik an - und es fixiert den Betroffenen weiter auf seine negative Reaktion gegenüber dem Tinnitus, was zu Depression oder Angsterkrankung führen kann.

Deshalb hängen Krankheitsverlauf und Krankheitsdauer bei Tinnitus nicht von einer Erkrankung des Gehörs ab – sondern von der Schwäche oder Fähigkeit im eigenen Gehirn, das Alarmsignal zu verstärken oder zu ignorieren– es droht gar keine Gefahr! Eigentlich könnte man beruhigt einschlafen und den Tinnitus links liegen lassen, denn letztendlich steuern wir unser Gehirn.   

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin