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Wissenswertes

Geschichte und Epidemiologie von Tinnitus

Zuletzt aktualisiert am: 16.02.2016 12:40:51

Tinnitus ist aller Wahrscheinlichkeit nach so alt wie der Mensch selbst. Erstmalig beschrieben wurden Ohrgeräusche im alten Mesopotamien um 2700 v.Chr,  als die ersten Hochkulturen entstanden. Fast fünf Jahrtausende später im Zeitalter der Globalisierung befindet sich die Menschheit möglicherweise wieder an einer entscheidenden kulturellen Wende. Lärm und Lärmbelastung auf unserem Planeten nehmen rapide zu, wir sehen uns vor allem in den Städten einer ständigen Beschallung ausgesetzt. Da ist es nicht verwunderlich, dass Fälle von Schwerhörigkeit und Tinnitus unter jungen Menschen zunimmt. 

Tinnitus im Wandel der Zeit

Nicht nur in Mesopotamien versuchte man sich in der Behandlung von Ohrgeräuschen. Im alten Ägypten galt Tinnitus als Krankheit und man tropfte Kräutersäfte über einen Halm in das äußere Ohr ein zur Behandlung des „Sturms im Ohr“. Interessant ist die Assoziation von Ohrgeräuschen mit der Geisterwelt: In der Mythologie kommt Tinnitus von bösen Geistern oder gar vom Satan. Der antike griechische Arzt Hippokrates beschrieb Ohrgeräusche als Vorboten des Todes. Der Reformator Martin Luther hielt Ohrgeräusche für Botschaften des Satans. In der alt-indischen Kosmologie des Ayurveda erhielten die Sinne, allen voran das Hören eine besondere Bedeutung. Der Mensch wurde als „Mikrokosmos im Makrokosmos“ betrachtet, als Spiegelbild des Universums. Dabei wurde das Gehör mit dem Raum (Sanskrit: Akasha) assoziiert. So falsch ist diese Vorstellung nicht – Klang breitet sich im Raum aus, und das „Klingeln im Ohr“ entsteht in unseren inneren, geistigen Räumen.

Der medizinische Fachbegriff Tinnitus aurium (Klingeln im Ohr) entstammt dem alten Rom. Der römische Arzt Celsus erwähnte Tinnitus als Folge von Erkältungen, Kopfschmerzen oder Epilepsie (Krampfleiden). Galenus beschrieb Ohrgeräusche schon als Nebenwirkung von Medikamenten. Der große mittelalterliche Arzt Paracelsus endlich erkannte Tinnitus als Folge von Lärm und Schwerhörigkeit. Berühmte Persönlichkeiten wie der Komponist Ludwig van Beethoven, der französische Philosoph Rousseau oder der spanische Maler Goya litten an Tinnitus und brachten dies in ihren Werken zum Ausdruck. Es dauerte jedoch noch lange bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, bevor das Phänomen „Tinnitus“ umfassend medizinisch beschrieben und erklärt werden konnte.

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Epidemiologie – Wer leidet wie häufig an Tinnitus?

Tinnitus ist eine Volkskrankheit – in Deutschland hat rund jeder Vierte Tinnitus schon erlebt, 13% davon dauerhaft. Jährlich entwickeln 340.000 Menschen einen Tinnitus. Unter ihnen empfinden nicht wenige einen starken Leidensdruck und sind dringend behandlungsbedürftig. Diese Zahlen spiegeln sich im Sprechstundenalltag beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt wieder: Allein ein Viertel aller Patienten kommt wegen Tinnitus in die Praxis.

Die Tinnitus-Häufigkeit ist weltweit sehr ähnlich, sowohl in Industrienationen als auch in Entwicklungsländern. Wichtig ist der Zusammenhang von Schwerhörigkeit und Tinnitus: Ungefähr die Hälfte aller von Tinnitus Betroffenen haben gleichzeitig eine Hörminderung. Von Schwerhörigkeit sind in Deutschland bereits knapp 20% der Bevölkerung betroffen.

Ob nur ein Ohr oder beide Ohren klingeln, ob Frauen oder Männer häufiger betroffen sind, dazu gibt es unterschiedliche Aussagen. Nach neuen Untersuchungen gibt es kein typisches „Tinnitus-Ohr“. Tinnitus tritt gleich häufig auf dem linken und dem rechten Ohr oder beiden Ohren zugleich auf. Tinnitus ist nicht häufiger bei Frauen, tatsächlich sind Männer häufiger behandlungsbedürftig.

Viele Betroffene leiden unter der Angst, ein Hirntumor könnte Ursache für ihre Ohrgeräusche sein. Ein solcher ist äußerst selten und kommt nur bei etwa 60 pro 100.000 Einwohner vor. Viel häufiger und stark zunehmend sind Burnout, Erschöpfung, Depression und Schlafstörungen. Sie stellen oft Folgekrankheiten des chronischen Tinnitus dar. An Depression leiden circa 12% aller Deutschen, Burnout und Erschöpfung treten noch häufiger auf.

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin