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Symptome und Diagnose

Kann Tinnitus Geräuschempfindlichkeit (Hyperakusis) auslösen?

Zuletzt aktualisiert am: 24.06.2016 15:41:11

30% aller Tinnitus-Patienten leiden an einer Geräuschüberempfindlichkeit, die in der medizinischen Fachsprache Hyperakusis genannt wird. Eine solche, oft quälende und enervierende Überbewertung von Alltagsgeräuschen und Umgebungslärm wie Telefonklingeln, Geschirrklappern und Essgeräuschen wird häufig sogar störender empfunden als Tinnitus. Allerdings geht nicht mit jeder Hyperakusis ein Tinnitus einher. Kann Tinnitus Geräuschempfindlichkeit auslösen? Nein. Aber Hyperakusis und Tinnitus haben ganz ähnliche Ursachen: zunehmende Hörschäden und seelische Konflikte. Daher treten chronischer Tinnitus und Hyperakusis oft gemeinsam auf.

Problematisch bei Hyperakusis ist wie auch bei chronischem Tinnitus die Rückzugstendenz der Betroffenen. Der starke Leidensdruck, den Alltagsgeräusche verursachen, bewegt die Menschen dazu, sich immer weiter aus dem sozialen Alltag ebenso wie aus dem Berufsleben zurückzuziehen. Absagen von Treffen mit Freunden und Krankschreibungen nehmen zu. Die Doppelbelastung durch Hyperakusis und chronischen Tinnitus birgt große Risiken, wenn sie nicht therapiert wird. Wird der Abwärtsspirale kein Einhalt geboten, droht im schlimmsten Fall die Berufsunfähigkeit und völlige soziale Isolation.

Drei Formen der Hyperakusis werden unterschieden:

  • Allgemeine Hyperakusis bei Normalhörigkeit
  • Hyperakusis mit fehlendem Lautheitsausgleich
  • Phonophobie

Allgemeine Hyperakusis/Tinnitus

Die allgemeine Hyperakusis geht oft mit chronischen, psychogenen Ohrgeräuschen und Normalhörigkeit einher. Der Betroffene ist schon gegenüber Geräuschen normaler Lautstärke im Bereich von 70 bis 80 Dezibel hochempfindlich. Dabei spielt die Tonhöhe keine Rolle, sowohl tiefe als auch hohe Töne können die Hyperakusis auslösen.

Die Symptome zeigen sich als Angstreaktionen auf Geräusche: schreckhaftes Zusammenzucken, rasender Puls, Schweißausbruch, Bluthochdruck oder Blutdruckabfall. Dabei kann ein stechender Schmerz durch das betroffene Ohr fahren und der Nacken sich spontan verspannen, etwa weil sich der Betroffene ruckartig vom störenden Geräusch abwendet. Der bestehende Tinnitus kann für Stunden bis Tage lauter gehört werden. Hyperakusis tritt häufiger bei sehr sensiblen, lärmempfindlichen Menschen auf sowie nach Schalltrauma oder chronischer Lärmbelastung, die auch Ohrensausen auslösen kann.

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Tinnitus/Hyperakusis mit fehlendem Lautheitsausgleich

Diese Form der Hyperakusis geht mit Innenohrschwerhörigkeit einher, wie sie zum Beispiel nach einem Hörsturz bestehen bleiben kann. Wie kommt es zu Tinnitus und Hyperakusis mit fehlendem Lautheitsausgleich? Bei normalem Gehör werden leise Töne verstärkt gehört und laute Töne abgedämpft. Diesen Lautheitsausgleich nennt man in medizinischer Fachsprache „Recruitment“. Durch eine Schädigung der äußeren Haarzellen in der Hörschnecke wie nach einem Hörsturz geht diese Fähigkeit verloren, man spricht von negativem Recruitment (fehlendem Lautheitsausgleich). Paradox ist die Reaktion bei beginnender Schwerhörigkeit mit Tinnitus und Geräuschempfindlichkeit: Leise Geräusche werden nicht gehört, spricht das Gegenüber jedoch lauter, zuckt der Betroffene plötzlich zusammen. Er hört das Gesagte plötzlich zu laut.

Tinnitus und Phonophobie

Die Phonophobie gehört zu den Angsterkrankungen. Bei dieser Krankheit („Angst vor Lauten“) reagiert der Betroffene nur auf bestimmte Geräusche mit Geräuschüberempfindlichkeit. Dies sind Laute, die beim Betroffenen negative Gefühle auslösen. Häufig finden sich Phonophobie und Tinnitus bei ganz bestimmten Berufsgruppen. Der Lehrer reagiert geräuschempfindlich auf Kinderstimmen, die Büroangestellte auf das Telefonklingeln. Zu den berühmten Personen mit Phonophobie gehört der Schriftsteller Franz Kafka, der die Symptome in seiner Erzählung „Großer Lärm“ eindrücklich beschrieb.

Tinnitus-Diagnostik und Geräuschempfindlichkeit

In der Tinnitus-Diagnostik ist es wichtig zu hinterfragen ob zusätzlich Hyperakusis besteht, denn bei einem Drittel aller Betroffenen ist dies der Fall. Hierfür dient das Gespräch, die bio-psycho-soziale Anamnese. Um den Zusammenhang mit belastenden Lebensereignissen zu verstehen, muss der Arzt erfragen, wann und unter welchen Umständen Tinnitus und Hyperakusis erstmals auftraten. Im ärztlichen Gespräch sollte auch geklärt werden, wie stark die Belastung durch Geräuschempfindlichkeit und Tinnitus ist und inwieweit sich der Betroffene etwa schon aus dem sozialen und beruflichen Leben zurückgezogen hat.

Nur die Hyperakusis mit fehlendem Lautheitsausgleich kann mit einem Hörtest erfasst werden. Bei der Erstellung eines Tonschwellenaudiogramms zur Bestimmung von Schwerhörigkeit wird eine Recruitmentmessung (nach Fowler) gemacht.

Wie bei chronischem Tinnitus geht Hyperakusis mit starkem Leidensdruck einher. Wichtig ist deshalb eine Behandlung wie bei chronischem Tinnitus. Die Krankheit bessert sich mit Hörtherapie, Retraining, Entspannungsverfahren und Psychotherapie

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin