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Symptome und Diagnose

Diagnose von Tinnitus

Zuletzt aktualisiert am: 13.11.2015 17:32:50

Das ärztliche Gespräch, das der Erfassung von Symptomen und der individuellen Krankengeschichte des Patienten dient, nennt man Anamnese. Die Bio-psycho-soziale Anamnese geht darüber hinaus. Sie zieht auch körperlich-seelische und soziale Zusammenhänge als Ursache von Krankheiten in Betracht.

Jeder Arzt, der in psychosomatischer Grundversorgung geschult ist, kann die bio-psycho-soziale Anamnese in seiner Sprechstunde durchführen. Beim Hals-Nasen-Ohren Arzt sollte sie fester Bestandteil der Diagnostik bei Tinnitus sein. Sie sollte vor und zu Beginn der körperlichen Untersuchungen durchgeführt werden und muss im ersten Kontakt nicht viel Zeit einnehmen. Sie ist jedoch wesentlich, da das intensive ärztliche Gespräch dem Betroffenen das Gefühl gibt, in seinem Leid verstanden zu werden.

Das Auftreten von Tinnitus steht häufig in Zusammenhang mit belastenden Lebensereignissen. In einer Gesprächsführung, die psychosoziale Ursachen berücksichtigen möchte, sind offene Fragen wichtiger als geschlossene Katalogfragen oder Ja-Nein Fragen wie zum Beispiel: „Sind sie durch den Tinnitus belastet?“

Die fünf Kernfragen in der Tinnitus-Anamnese

  1. „Welche Beschwerden haben Sie?“
  2. „Wann ist das Ohrgeräusch erstmals aufgetreten, welche Beschwerden hat es ausgelöst und welche Ereignisse sind zur selben Zeit in ihrem Leben aufgetreten?“
  3. „Hat sich in dieser Zeit in Ihrem Leben etwas wesentlich verändert?“
  4. „Haben Sie schon früher Probleme mit Tinnitus gehabt?“
  5. „Was haben Sie bisher unternommen, um sich selbst zu helfen?“

Die bio-psycho-soziale Anamnese ist für alle von Tinnitus Betroffenen wichtig, egal ob eine körperliche Ursache oder eine seelische Ursache vorliegt. Denn damit kann der Arzt herausfinden, was seinen Patienten am meisten belastet und wie ängstlich-fixiert er zu Behandlungsbeginn auf sein Ohrgeräusch reagiert. So kann möglicherweise verhindert werden, dass das Ohrensausen negativ bewertet wird und Leidensdruck verursacht. Belastende Lebensereignisse, die zum Auftreten des Tinnitus beigetragen haben, können gleichsam entschlüsselt werden. Das kann viel Zeit in der anschließenden Behandlung ersparen und die Entwicklung eines ausgewachsenen Leidens an Tinnitus mit allen seinen psychischen Folgekrankheiten verhindern. Positive Bewältigungsmechanismen können mit der letzten Frage gleich zu Beginn erfasst werden und den Betroffenen ermutigen, dass Tinnitus heilbar ist.

Das psychosomatische Erstgespräch

Besteht schon ein Leiden an Tinnitus oder ein chronischer Tinnitus, bei dem eine psychogene Ursache vermutet wird, so eignet sich zur Diagnose das psychosomatische Erstgespräch. Dies ist eine erweiterte oder ausführliche bio-psycho-soziale Anamnese mit tiefenpsychologischem Ansatz.

Der Arzt begrüßt den Betroffenen, stellt sich vor und bietet eine angenehme Sitzgelegenheit an. Dann fragt er wie sich der Mensch fühlt. Er lässt sich sodann den Tinnitus und begleitende Beschwerden wie Einschlafstörung, Hörstörung oder Konzentrationsschwäche beschreiben und erfasst den allgemeinen Gesundheitszustand. Außer der detaillierten Schilderung der Krankheitsentwicklung und des Leidensdrucks werden im psychosomatischen Erstgespräch belastende und kritische Lebensereignisse näher besprochen, die speziell mit dem ersten Auftreten des Tinnitus in Zusammenhang stehen können.

Die früheren Lebensumstände, Kindheit und Entwicklung des Patienten, die Beziehung zu den Familienmitgliedern und die berufliche und soziale Situation werden ebenso ausführlich betrachtet. Dabei achtet der psychosomatisch geschulte Arzt auch auf seine eigenen Gefühle, da sie in der Tiefenpsychologie (Übertragung und Gegenübertragung) auch der Diagnose dienen und auf neurotische Grundmuster beim Patienten hindeuten können. Ein depressiver, ängstlicher oder auch zwanghafter Charakter kommt bei Menschen, die an Tinnitus leiden, häufiger vor.

Warum ist Tinnitus-Therapie bei gleicher Ursache nicht immer gleich erfolgreich, warum wird das Ohrgeräusch bei Patient A zum dauerhaften Plagegeist, während es bei Patient B schnell verschwindet? Die bio-psycho-soziale Anamnese dient nicht nur der Erfassung von Krankheitsmechanismen (Pathogenese), sondern auch von Gesundheitsmechanismen (Salutogenese). Jeder Mensch verfügt über individuelle Bewältigungsmechanismen. Man nennt diese in der Fachsprache auch „positive Ressourcen“. Das können ganz individuelle Strategien zum Umgang mit Tinnitus sein, aber auch Hobbys und Selbstverwirklichung im Leben.

Wichtig für die weitere Behandlung ist der Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Arzt und Betroffenem. Dies muss nicht alles in einer Sitzung geschehen – mindestens fünf psychosomatische Erstgespräche sind angebracht, vor allem wenn der Betroffene die Gespräche als entlastend erlebt. Sie können bei Bedarf in eine Psychotherapie übergeleitet werden.

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Den Tinnitus diagnostizieren - wie geht das?

Die Diagnose „Tinnitus“ ist schnell gestellt. Doch wie kann man ein Geräusch messbar und objektivierbar machen, das nur der Betroffene selbst hört - wie es beim Tinnitus der Fall ist? Der Medizin stehen hierbei verschiedene Verfahren zur Verfügung. Jeder vierte Patient sitzt wegen Ohrgeräuschen in den Praxen der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte.

Die aufwändige Tinnitus-Diagnostik wird nicht bloß in der Tinnitus-Klinik durchgeführt, sie  ist auch wesentlicher Bestandteil des HNO-Betriebs. Das Durchführen von Hörtests bei Tinnitus und anderen Untersuchungen dient der Klärung der Ursachen, die den quälenden Ohrgeräuschen zugrunde liegen. Denn Tinnitus ist ein Symptom, das bei einer Vielzahl von Krankheiten auftreten kann. Es muss geklärt werden, ob das Ohrensausen aufgrund einer körperlichen Erkrankung oder einer Störung der Hörverarbeitung entstanden ist. Das ärztliche Gespräch, die bio-psycho-soziale Anamnese, die vor Beginn der Untersuchungen durchgeführt wird, sollte immer wesentliches Element der Diagnose sein. Nur das Gespräch kann dem Betroffenen das Gefühl geben, in seinem Leid verstanden zu werden. Denn die Ohrgeräusche werden häufig als bedrohlich empfunden und stehen in Zusammenhang mit belastenden Lebensereignissen. Liegen psychosoziale Ursachen vor, muss die Therapie hier ansetzen.

Die Untersuchung beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt

Anhand der geschilderten Beschwerden, dem Tinnitus und dessen möglichen Begleitsymptomen wie Schwindel, Hörverlust oder einem Infekt nimmt der HNO-Arzt die Untersuchung vor.

Erst wird der Arzt mit dem Ohrmikroskop den äußeren Gehörgang und das Trommelfell betrachten. Dabei kann er Ohrenschmalz, Fremdkörper, Entzündung oder Veränderungen des Trommelfells entdecken. Dann schaut der Arzt Nase und Rachenraum an. Eine Blutdruckmessung zum Ausschluss von Tinnitus bei Bluthochdruck und ein Abhören der großen Halsgefäße mit dem Stethoskop gehören dazu.

Beim Stimmgabelversuch nach Weber und Rinne kann der Arzt schon mit einfachen Mitteln eine Mittelohrschwerhörigkeit von einer Innenohrschwerhörigkeit unterscheiden. Dabei wird die Stimmgabel in Schwingung gebracht, auf die Kopfmitte und rechts und links vom Ohr aufgesetzt und vor die Ohren gehalten.

Die Tympanometrie dient der Messung der Schwingungsfähigkeit des Trommelfells mit einem winzigen Lautsprecher, der in den äußeren Gehörgang vorgeschoben wird.

Hörtests bei Tinnitus

Die audiologische Diagnostik umfasst die Durchführung von subjektiven und objektiven Hörtests. Das Tonschwellenaudiogramm ist der wichtigste subjektive Hörtest. Er erfordert die Mitarbeit des Patienten. Die Anfertigung des Tonschwellenaudiogramms ist äußerst wichtig zur Feststellung einer Schwerhörigkeit, dann zeigt sich im Diagramm eine veränderte Hörkurve. Auf dieser Basis wird die Bestimmung der Tonhöhe des Tinnitus (meist im Bereich des Hörverlusts in der Hörkurve) und der Tinnituslautheit durchgeführt.

Objektive Hörtests sind wichtig zur Differenzierung von Innenohrschwerhörigkeit und Störungen im Bereich der zentralen Hörbahn:

  • Otoakustische Emissionen: Hier wird mit Tönen gearbeitet, die vom Innenohr selbst produziert werden.
  • BERA (Brainstem Electric Response Audiometry) ist die Messung von Hirnstammpotentialen zur Bestimmung ob und wo die zentrale Hörbahn geschädigt ist. Zur Diagnose eines Akustikusneurinoms (gutartiger Hirntumor) war diese Untersuchung früher die Standardprozedur. Dafür werden Elektroden auf Kopfhaut geklebt und elektrische Signale abgeleitet. Eine wissenschaftlich komplexe, aber für den Patienten gut verträgliche Untersuchungsmethode.

Es ist nach wie vor schwierig, dem subjektiv wahrgenommenen Tinnitus in objektiven Tests auf die Schliche zu kommen. Hier steckt die Forschung bislang noch in den Kinderschuhen.

Bildgebende Diagnostik bei Tinnitus

Bei Verdacht auf körperliche Ursachen für das Ohrgeräusch werden bildgebende Verfahren eingesetzt, um die Ursache zu erkennen:

  • Im Ultraschall, speziell der Dopplersonografie, kann man Verengungen der Halsschlagader oder anderer Gefäße gut bildhaft darstellen: eine wichtige Untersuchungsmethode bei Verdacht auf objektiven Tinnitus.
  • Gelingt dies nicht hinreichend, wird eine Angiografie gemacht. Dabei wird Kontrastmittel in das Blutgefäß eingebracht und anschließend ein Röntgenbild angefertigt.
  • MRT: Die Magnetresonanztomographie wird zur Darstellung des Akustikusneurinom (Tumor des Hörnervs) und anderer Strukturen im Gehirn eingesetzt. Dabei werden statt der belastenden Röntgenstrahlen Magnetfelder für die Abbildung benutzt.
  • In der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) oder der Positronenemissionstomographie (PET) kann man bei gleichzeitiger akustischer Stimulation (Gabe von Tönen) die so angeregten Gebiete im Hörzentrum des Gehirns abbilden. In einer Studie stimmten die Abbildungen überraschend gut mit dem subjektiv bestimmten Schweregrad bei Tinnitus überein.

Psychologische Tinnitus-Tests

Standardisierte Fragebögen und Tests dienen der Fremdeinschätzung durch den Arzt zur Bestimmung des Schweregrads bei Tinnitus. Für den Betroffenen sind sie wichtig zur Selbsteinschätzung der Belastung durch das Ohrensausen. Diese Tests werden vor allem bei chronischem Tinnitus und psychischen Folgekrankheiten angewandt. Sie dienen auch der Überprüfung des Behandlungserfolgs.

Tinnitus-Tests können folgende wichtige Parameter erfassen:

  • Psychische Beeinträchtigung durch Tinnitus
  • Penetranz (Aufdringlichkeit) der Ohrgeräusche
  • Hörprobleme
  • Schlafstörungen
  • Körperliche Beschwerden
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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin