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Symptome und Diagnose

Chronischer Tinnitus und die Folgen

Zuletzt aktualisiert am: 13.11.2015 17:34:55

Bei Tinnitus drängt sich naturgemäß sehr schnell eine wichtige Frage auf: Bleibt das Ohrgeräusch nun für immer bestehen oder verschwindet es wieder? Von chronischem Tinnitus spricht man erst, wenn er länger als sechs Monate andauert. Ein akuter Tinnitus muss jedoch nicht zwangsläufig in den chronischen Tinnitus münden.

Chronischer Tinnitus kann, muss aber gar nicht zwangsläufig zum buchstäblichen Leiden an Tinnitus führen. 2% der Menschen mit Tinnitus sind jedoch in ihrem Leben so stark von den psychischen Folgen der Ohrgeräusche beeinträchtigt, dass es kaum auszuhalten ist.

Mehr als 90% aller Menschen mit chronischem Tinnitus sind schwerhörig (jedoch nicht umgekehrt). Schwerhörigkeit kann psychische Probleme verursachen und psychische Begleiterkrankungen hervorrufen. Für Betroffene wichtig zu wissen: Die Befürchtung, dass chronischer Tinnitus das „Gehör kaputt“ mache und zu Schwerhörigkeit führt, trifft nicht zu. Folgekrankheiten durch chronischen Tinnitus haben keine physischen Ursachen, sondern sind rein psychischer Natur.

Schweregrade bei Tinnitus

  • Schweregrad 1: das Ohrgeräusch wird gehört, stört aber nicht. Daher ist in diesem Stadium keine Behandlung nötig.
  • Schweregrad 2: der Tinnitus stört beim Einschlafen und in der Stille. Das Ohrgeräusch kann im Stress lauter werden. Noch liegen keine sozialen oder beruflichen Einschränkungen vor. Entspannungsverfahren und Stressreduktion sind hilfreich.
  • Schweregrad 3: Betroffene sind so stark belastet, dass der berufliche und soziale Alltag leidet. Ein Rückzug beginnt. Die Ohrgeräusche werden als qualvoll empfunden, psychische Symptome und Begleiterkrankungen sind möglich.
  • Schweregrad 4: Kein Berufsleben oder soziales Leben ist mehr möglich. Psychische Begleiterkrankungen wie Depression oder Angsterkrankung dominieren den Alltag der Betroffenen, die am chronischen Tinnitus leiden.

Kompensiert oder dekompensiert?

Es gibt also Menschen, die gut mit chronischen Ohrgeräuschen leben können. Bei Schweregrad 1 und 2 spricht man daher vom kompensierten Tinnitus.

Dekompensiert ist Tinnitus in den Stadien 3 und 4. Die Patienten sind durch den Tinnitus stark beeinträchtigt und behandlungsbedürftig. Ein mehrwöchiger Aufenthalt zur intensiven Therapie in einer Tinnitus-Klinik ist beim Schweregrad 4 ratsam.

Ob aus dem Symptom Tinnitus eine Krankheit, das Leiden am Tinnitus wird, hängt von der persönlichen psychischen Verarbeitung des Tons ab. Die individuelle seelische Verfassung und Stressbelastung, psychische Vorerkrankungen und persönliche Glaubenssätze entscheiden, inwieweit der Tinnitus ins Bewusstsein vordringen kann. Gute, mit einem einfühlsamen Arzt erarbeitete Bewältigungsstrategien ermöglichen es, das Ohrgeräusch als unwichtig aus der Wahrnehmung herauszufiltern. Ein Beispiel: Tinnitus ist meist nur so laut wie die Lüftung eines Computers. Gesunde Menschen, die viel am PC arbeiten, hören die Lüftung meist gar nicht mehr.

Wichtig: Die Fixierung auf die Ohrgeräusche, ständiges Horchen, ob der Tinnitus noch da ist, mündet häufiger in einen chronischen, dekompensierten Verlauf! Ignorieren Sie die Ohrgeräusche nach Möglichkeit!

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Auf diese Frühwarnsymptome der Psyche müssen Sie achten

Bestimmte Symptome zeigen an, wann Sie aufpassen sollten, dass das Leiden am Tinnitus sich nicht zur psychischen Krankheit auswächst. Diese Symptome sollten Sie ernst nehmen:

  • Konzentrationsstörungen
  • Geräuschüberempfindlichkeit (Hyperakusis)
  • Reizbarkeit
  • Stimmungsschwankungen oder Stimmungstief
  • Überfordertsein
  • Ständige Angespanntheit
  • Appetitverlust
  • Verminderte Leistungsfähigkeit
  • Einschlafstörungen
  • Vermehrter Alkoholkonsum
  • Einnahme von Schlaftabletten
  • Vermehrte Ängstlichkeit
  • Misstrauen
  • Sozialer Rückzug
  • Ohnmachtsgefühle und Hilflosigkeit gegenüber dem Tinnitus
  • Wut, Trauer, Panik

Tinnitus und Schlafstörungen

Reagiert man negativ auf den Dauerton in der Einschlafphase, kann sich eine Schlafstörung entwickeln. Man unterscheidet Einschlafstörungen und Durchschlafstörungen mit häufigem nächtlichem Aufwachen. Auf Dauer kann es zu starker Leistungsminderung, Konzentrationsabfall, chronischen Kopfschmerzen und zum Griff nach Schlafmitteln mit Suchtpotential kommen. Auch Alkohol ist keine passende Einschlafhilfe und kann zu Abhängigkeit führen!

Führt Tinnitus zu Depressionen oder Angststörungen?

Tinnitus der fortgeschrittenen Stadien kann in depressive Episoden münden. Depressionen sind geprägt von Freudlosigkeit, Antriebsschwäche und Interesselosigkeit an Hobbys, Beruf, Freunden und Familie über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis Monaten. Häufig begleiten Grübelzwang, Appetitverlust, körperliche Beschwerden und Schlafstörungen mit morgendlichem Früherwachen die Krankheit.

Man unterscheidet gemischte Formen mit Angst und Depression, die generalisierte Angsterkrankung und Panikattacken. Daneben gibt es isolierte Formen der Angst, die sogenannten Phobien. Bei der Phonophobie besteht wie bei Hyperakusis eine Geräuschüberempfindlichkeit – jedoch nur gegen ein bestimmtes, konflikthaft besetztes Geräusch. Im beruflichen Feld kann dies bis in die Berufsunfähigkeit führen, wie zum Beispiel bei einer Kindergärtnerin, die auf Kindergeschrei mit Tinnitus und Phonophobie reagiert. Chronischer Tinnitus ist auch häufig mit Zwangsstörung oder der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gekoppelt.

Bei Schlafstörungen, Depression und Angststörungen kann ergänzend zu den anderen Behandlungsmaßnahmen bei chronischem Tinnitus eine langfristige Psychotherapie nötig und hilfreich sein.

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Liebe Leser,
die Inhalte unseres Tinnitus-Ratgebers dienen ausschließlich Ihrer Erstinformation und sollten keinesfalls die Diagnose und Therapie Ihres Haus- oder Facharztes ersetzen. Bitte besprechen Sie jegliche (Selbst-)Medikation mit einem Arzt oder Apotheker.
Ihre Morgana Hack, Ärztin und Autorin