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Behandlungsmethoden

Tinnitus-Retraining-Therapie: Alles Wissenswerte

Zuletzt aktualisiert am: 30.10.2018
Dieser Text wurde nach wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern auf Richtigkeit überprüft.
Chronischer Tinnitus ist verbreiteter als man annimmt. Tatsächlich hören viele Menschen regelmäßig Ohrgeräusche, was einen immensen Leidensdruck verursachen und zu schweren Depressionen führen kann. Die Medizin sucht laufend nach neuen Behandlungsmethoden, um diesen Patienten zu helfen.  

Lässt sich Tinnitus verlernen? 

Die Wahrnehmung von Tinnitus ist von Mensch zu Mensch verschieden und hat daher unterschiedlich starken Einfluss auf das alltägliche Leben und die Psyche. Das erklärt, warum nur ein Teil der Menschen unter dem Tinnitus leidet und andere diesen kaum bemerken.  Genau hier setzt die Habitualisierungstherapie (Habitualisierung = Gewöhnung) an, die auf der Erkenntnis beruht, dass die persönliche Wahrnehmung eines Tinnitus beeinflussbar ist.  
 
Konkret besteht der Ansatz in der „Gewöhnung“ des Patienten an den Tinnitus. Das soll letztlich den Leidensdruck senken, weil das Ohrgeräusch so in den Hintergrund der bewussten Wahrnehmung rückt. Um dies zu ermöglichen, gibt es die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT). Sie setzt auf eine direktive Tinnitus-Beratung inklusive Geräuschtherapie mithilfe von Hörgeräten oder Tinnitus-Maskern. Retraining wird bei chronischem Tinnitus eingesetzt und kann ab einem Zeitraum von drei bis sechs Monaten nach dem ersten Auftreten des Ohrgeräuschs begonnen werden.  

Ablauf der Tinnitus-Retraining-Therapie 

  1. Zu Beginn steht das direktive Counseling, das ein umfassendes Beratungsgespräch und die Diagnostik beinhaltet. Dabei werden die die komplexen Zusammenhänge der Hörverarbeitung geklärt und die Ängste der Betroffenen besprochen. 
  2. Darauf folgt eine Geräuschtherapie. Dabei kommen Rauschgeräte zum Einsatz (auch Tinnitus-Noiser oder Tinnitus-Masker genannt) oder bei Schwerhörigkeit und Tinnitus spezielle Hörgeräte.  
  3. Schließlich gibt es Folgetermine mit direktivem Counseling, welche die Belastung durch den Tinnitus abfragen und weitere informative Beratung und Anpassung beinhalten. Anfangs monatlich, dann alle drei Monate mit einer Dauer von insgesamt bis zu zwei Jahren.  
 
Die Counseling-Termine sollen den Betroffenen erklären, wie die Hörverarbeitung im Gehirn und bei Tinnitus funktioniert und welchen Einfluss sie selbst aktiv durch ihre Einstellung und Psyche darauf nehmen können.  Denn nur wer wirklich versteht, woran er leidet, kann sich seiner Erkrankung stellen. Gerade bei Tinnitus spielt die Psyche eine große Rolle. 

Hörgerät oder Rauschgerät bei Tinnitus?  

Bei Tinnitus durch Schwerhörigkeit empfiehlt sich die Anschaffung eines Hörgerätes. Das Hörgerät ermöglicht dem Betroffenen eine normale Kommunikation mit seinen Mitmenschen, oder lässt ihn in den Genuss eines Konzertes kommen. Das feine Hintergrundrauschen des Hörgerätes hilft zudem den Tinnitus abzuschwächen, da dieser dadurch weniger penetrant wahrgenommen wird.  
 
Es gibt eine große Auswahl an Hörgeräten und diese werden durch den Hörgeräte-Akustiker angepasst. Man kann unterscheiden zwischen externen Hörgeräten, Teil- und Vollimplantaten. Letztere werden operativ eingesetzt.  
 
Die bekanntesten Hörgeräte sind:  
  • HdO (Hinter dem Ohr getragenes Hörgerät)  
  • IdO (Im Ohr getragenes Hörgerät)  
  • Teilimplantiertes Hörgerät  
  • Choclea-Implantat (wird direkt in der Hörschnecke im Innenohr platziert und eignet sich für Betroffene mit starker Schwerhörigkeit)  
Wenn ein Tinnitus ohne Schwerhörigkeit auftritt, wird im Rahmen der Retraining-Therapie statt eines Hörgerätes ein Rauschgerät empfohlen. Diese Geräte sind auch unter den Namen Tinnitus Noiser oder Tinnitus Masker bekannt. Sie geben ein breitbandiges Rauschen auf allen Tonhöhen ab, das die Ohrgeräusche überdecken soll.  
 
Das Gerät hat die Form eines Hörgeräts und sollte so eingestellt werden, dass der Tinnitus gerade noch hörbar ist. Dies kann die Geräusche des Tinnitus für den Betroffenen abschwächen und mithelfen, sich an das Geräusch zu gewöhnen und es zu überhören. Besonders beim Einschlafen kann es hilfreich sein, dafür gibt es sogar spezielle sogenannte Bedside Geräte.  

Erfolgschancen der Tinnitus-Retraining-Therapie / Modifiziertes Retraining

Bei einer Hörgeräteverordnung im Rahmen einer Retraining-Therapie geben nach vier Wochen circa 60 Prozent der Betroffenen mit chronischem Leiden an Tinnitus eine deutliche Besserung an, 30 Prozent empfinden keine Wirkung auf den Tinnitus, jeder Zehnte hingegen berichtet sogar von einer Verschlimmerung. 

Neben der klassischen Retraining-Therapie haben sich Gewöhnungstherapien entwickelt, die einen ganzheitlichen (multimodalen) Ansatz verfolgen. Hierbei spricht man auch von einer modifizierten Retraining-Therapie. Die klassische Retraining-Therapie ist in die Kritik geraten, da sie Kritikern zufolge zu „direktiv“ mit dem Patienten umginge. Direktiv bedeutet, dass der Therapieverlauf und die Therapiemethoden durch den Arzt kontrolliert werden. Dabei hat der Patient kaum die Möglichkeit, über seine individuellen Erfahrungen und Konflikte zu sprechen, die jedoch einen großen Einfluss auf den Leidensdruck haben können. 
 
Psychosomatische Tinnitus-Patienten, deren Ohrgeräusch Ausdruck einer gestörten Gefühlswelt ist, benötigen oft eine Psychotherapie zur Bewältigung. Daher versprechen vor allem ganzheitliche Ansätze den größeren Therapieerfolg. Diese umfassen eine Kombination verschiedener, sich ergänzender Therapieelemente. Zusätzlich zum Counseling und der Geräuschtherapie sind weitere wichtige Säulen Entspannung und Stressreduktion, sowohl physiologischer als auch psychologischer Natur. 
 
Die modifizierte Tinnitus-Retraining-Therapie umfasst:  
  • Beratung und Aufklärung 
  • Geräteanpassung 
  • Entspannungsverfahren  
  • Hörtherapie  
  • Psychotherapie  
 
Wissenschaftler der Universitätsklinik Charite in Berlin haben eine Gruppe von 130 Patienten mit der modifizierten Tinnitus-Retraining-Therapie behandelt und das Ergebnis nach drei Jahren überprüft. Das Ergebnis der Studie: Die Mehrzahl der Patienten beobachtete einen deutlichen Rückgang der Symptomatik, bis hin zu einer auffälligen Verbesserung der gesamten Lebensqualität.  
 
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Retraining-Therapie: Kostenübernahme durch Krankenkassen

Seit 1995 werden von den Krankenkassen die Kosten für die Retraining-Therapie mit Geräteanpassung übernommen, wenn sie vom HNO-Arzt verordnet wird. Doch nicht jedes Gerät wird gezahlt. Wie überall in der Welt der Elektronik gibt es preisgünstige und teurere Gerätevarianten. Will man Mittel- oder Luxusklasse, so muss man zuzahlen. Seit 2009 variieren die Festbeträge für Hörgeräte je nach gesetzlicher Krankenkasse. Zudem bestimmt der Grad der Schwerhörigkeit im Hörtest, ob die Kosten für das Hörgerät übernommen werden.      

 

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