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Behandlungsmethoden

Hörtherapie bei Tinnitus: Lernen, bewusst zu hören

Morgana Hack, Ärztin
Zuletzt aktualisiert am: 30.10.2018
Dieser Text wurde nach wissenschaftlichen Standards verfasst und von Medizinern auf Richtigkeit überprüft.
Der Ansatz der Hörtherapie besteht darin, das bewusste Hören zu schulen. Eine solche Hörschulung kennt man vielleicht aus der professionellen Musikerausbildung oder der musikalischen Früherziehung. Doch auch als erwachsener Mensch kann man davon profitieren: Wenn man an Schwerhörigkeit, Tinnitus oder den Folgen eines Hörsturzes leidet, kann die Hörtherapie helfen, das Gehör neu zu schulen und dem Normalzustand wieder anzunähern. Alles Wissenswerte zum Thema finden Sie in diesem Artikel. 

Hörtherapie bei Tinnitus: Was zeichnet sie aus? 

Die Hörtherapie ist eine der neueren Behandlungsformen, die bei chronischem Tinnitus zum Einsatz kommen. Sie wurde an der Klinik Bad Arolsen entwickelt und kommt bei Tinnitus, Geräuschempfindlichkeit und Hörverlust zum Einsatz. Aufgrund der positiven Ergebnisse und guter Akzeptanz bei Patienten wird sie in vielen Kliniken und Zentren in die Behandlung des chronischen Tinnitus integriert. 
 
Bei chronischem Tinnitus ist die Aufmerksamkeit ständig auf das Ohrgeräusch gerichtet und angstvoll darauf fixiert. Mithilfe von Konzentrationsübungen lernt man in der Hörtherapie die Aufmerksamkeit auf andere Sinneswahrnehmungen zu lenken, zum Beispiel andere Höreindrücke oder auch auf den Tastsinn. Auf diese Weise wird die Filterfunktion des Gehörs reaktiviert und es fällt leichter, das Ohrgeräusch auszublenden.  
 
 

Übungen aus der Hörtherapie 

  1. Aufmerksam hören: Lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Blätterrauschen in den Bäumen, Hören Sie auf das Geräusch Ihrer Schritte oder die Vogelstimmen im Park. 
  2. Mit geschlossenen Augen hören und wahrnehmen:  Schließen Sie die Augen und nehmen Sie den Untergrund wahr, auf dem Sie sitzen oder stehen. Lassen Sie sich von einer Person, der Sie vertrauen blind führen und ertasten Sie Ihre Umgebung, den Baum, die Blätter, riechen Sie die Blumen oder schmecken Sie die salzige Luft am Meer. 
  3. Richtungshören: Hören Sie mit geschlossenen Augen aus welcher Richtung die Geräusche kommen, vor den Lautsprechern, im Straßencafé oder folgen Sie dem Klang des Wassers in einem Bachlauf. 

Erfolgschancen und Kostenübernahme der Hörtherapie 

Die Hörtherapie ist natürlich nie die alleinige Behandlung bei chronischem Tinnitus, kann aber ein wichtiges Element im Rahmen der Tinnitusbewältigung darstellen. In Kombination mit anderen Behandlungsbausteinen, wie zum Beispiel Entspannungsverfahren, dem Einsatz von Hör- und Rauschgeräten oder als Ergänzung zur Psychotherapie, kann sie gute Ergebnisse erzielen.  
 
Beim chronischen Tinnitus verschwindet das Ohrgeräusch durch die Behandlung jedoch meist nicht völlig, sondern kann lediglich leiser werden. Im Rahmen der Hörtherapie können Patienten lernen, mit ihrem Ohrgeräusch zu leben. Schwerhörige mit Tinnitus nehmen die Anpassung eines Hörgeräts wesentlich besser an, wenn gleichzeitig eine Hörtherapie durchgeführt wird. 
 
Ob die Hörtherapie ambulant oder stationär im Rahmen eines Aufenthalts in einer Tinnitus-Klinik stattfindet, entscheidet der behandelnde Arzt bzw. das Therapeuten-Team zusammen mit dem Betroffenen anhand des Schweregrades des Tinnitus. Für eine Kostenübernahme in der Klinik oder Kurklinik muss ein Antrag bei der Krankenkasse oder der Rentenversicherung eingereicht werden. 
 
Jeder Betroffene kann sich indes auch selbst helfen. Die Hörtherapie wird auch in Selbsthilfegruppen geübt. Die Deutsche Tinnitus-Liga hat ein Verzeichnis von Selbsthilfegruppen in Ihrer Region.  
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Musiktherapie als Element der Hörtherapie 

Bewusstes Musikhören kann die Hörtherapie sinnvoll ergänzen. Mit der Tinnituszentrierten Musiktherapie (TIM), die von der Musikpsychologin Anette Cramer entwickelt wurde, gibt es eine spezielle Therapieform, die mit Geräuschen, Klang und Musik arbeitet, um Geräuschüberempfindlichkeit und Tinnitus zu behandeln. Auch hier ist die Grundidee, das bewusste Hören zu trainieren und die auditive Wahrnehmung vom Tinnitus wegzulenken.  
 
Mithilfe von Entspannungsverfahren unter Einsatz von sanfter, angenehmer Musik soll der Patient lernen, sozusagen auf Abruf in einen Entspannungsmodus zu schalten, wenn der Tinnitus ihn plagt. Die TIM lässt sich mit einem individuellen Hörtrainingsprogramm auf CD bequem zuhause durchführen. 
 
Ein anderes musiktherapeutisches Angebot findet sich am Deutschen Zentrum für Musiktherapieforschung  (DMZ) in Heidelberg. Das Heidelberger Modell ermutigt den Betroffenen, mithilfe seiner Stimme oder einem einfachen Instrument Musik zu improvisieren und so einen dem Tinnitus ähnlichen Anreiz für das Gehör zu entwickeln. Dabei wird der musikalische Hintergrund des Betroffenen berücksichtigt: Jeder Betroffene kann entsprechend seinem musikalischen Können und derzeitigem Hörvermögen mitmachen. Nach und nach löst sich der Patient dadurch von der Fokussierung auf seinen Tinnitus.  

Musiktherapie verändert Struktur des Gehirns 

An der Universität des Saarlandes beschäftigt sich eine Gruppe von Wissenschaftlern um den Hirnforscher Christoph Krick damit, warum die Musiktherapie bei Tinnitus wirksam ist. Das Forscherteam nutzte die Magnetresonanztomografie (MRT), um die Struktur des Gehirns vor und nach der Therapie in einem Zeitraum von einer Woche zu untersuchen.  
 
Bereits nach fünf Tagen Musiktherapie waren Veränderungen nachweisbar. Bei 80 Prozent der behandelten Patienten war der Tinnitus im Anschluss deutlich gelindert, acht Prozent berichteten, dass das lästige Ohrgeräusch sogar komplett verschwunden sei. 

Wie wirkt Musiktherapie? 

Die eingesetzte Therapie entspricht dem Heidelberger Modell des DMZ und wird auch Neuro-Musiktherapie genannt. Ziel der es, die durch den Tinnitus entstandene Fehlregulation im Gehirn zu normalisieren. „Die Tinnitus-Patienten können über das Nachsummen und Singen von Grundtönen zur meist höheren Tinnitus-Frequenz den fehlenden Ton im Gehirn rekonstruieren“, erklärt der Hirnforscher Christoph Krick.  
 
„Das Anstimmen der Untertöne des eigenen Phantomtons erscheint den Patienten anfangs schwierig, gelingt dann an jedem Therapietag besser.“ Die Forscher bewerteten die Behandlung regelmäßig und passen sie Ergebnisse an. Ebenso gehören Techniken zur intensiven Entspannung zum Therapieplan.  

Der Erfolg ist bleibend 

Neben dem raschen Eintritt des Behandlungserfolges zeigt sich dieser auch dauerhaft. Die Umbauvorgänge im Gehirn sind drei Jahre später immer noch im MRT nachweisbar. Dass tatsächlich die Musiktherapie verantwortlich für die Besserung der Symptome ist, wiesen die Wissenschaftler anhand einer Kontrollgruppe nach. Gesunde Studienteilnehmer wurden ebenfalls mit der Kombination aus Musik- und Entspannungstherapie behandelt. „Bisher war man davon ausgegangen, dass Lernfortschritte nur die Aktivitäten im Gehirn verändern, also quasi eine neue Software aufspielen.  
 
Wir konnten jedoch nachweisen, dass schon nach wenigen Tagen die Denkzellen, die den Höreindruck verarbeiten, nachgewachsen sind. Es wurde sozusagen die Festplatte des Gehirns umgebaut, und zwar dauerhaft“, sagt Krick. In der Kontrollgruppe konnten die Forscher ebenfalls eine Veränderung des Gehirns beobachten. Sie spielte sich in den Gehirnregionen ab, die sich mit Entspannung und der Verarbeitung von Stress beschäftigen.   
 
 
 
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