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Reviews


Moss - Tombs Of The Blind Drugged
Von Rebecca Enzinger


Rise Above/Soulfood
VÖ: 19.06.2009
Myspace
Spielzeit: 40:29
Stil: Occult Horror Doom

Was macht man mit so einem Album? Voll von Riffwänden, die sich in Zeitlupe aufbauen und deren Fundament bis weit ins Erdinnere reicht? Mit kreischenden Gitarren, die klingen, wie ein Konzert verstimmter Geigen und die eine ähnliche körperliche Reaktion hervorrufen, wie Fingernägel auf einer Schiefertafel? Komplettiert durch eine Stimme, die sich in jahrelanger Qual längst in ihre kleinsten Bestandteile zerrieben hat...
Moss' Tombs of the Blind Drugged ist ein fieser Brocken von Album, der mein Zimmer am helllichten Tag zu einer kalten, dunklen Höhle werden lässt, in der ich unheimlicherweise nicht allein zu sein scheine. Ich stehe am Fenster und blicke auf den Friedhof gegenüber. Sattes, dunkles Grün bewegt sich im Wind. Dicht sieht das aus und wild und irgendwie unheimlich. Der Friedhof ist nicht besonders groß, aber ein Traum für alle morbiden Romantiker. Oder romantischen Morbidiker. Umgestürzte, wild überwucherte Grabsteine und zerfallende Gruften sorgen zwischen den gartenartig angelegten Gräbern für Abwechslung. Eingestürztes Mauerwerk, Efeu, hier und da ein steinerner Engel... Was also macht man mit so einem Album, das für sich allein genommen schon so etwas ist, wie ein instrumentaler Horrortrip? Richtig. Man sorgt für den passenden Film zum Soundtrack. Die Zeit ist reif für ein kleines Experiment. Ich greife zum Telefon. "Hallo?!" meldet sich N. "Hallo!" sage ich. "Hast du Lust mit einer fiesen Horror-Doomplatte im Ohr nachts über den Friedhof zu laufen? Da könnte vielleicht ein Review draus werden" "Klar." sagt N. "Was genau ist noch mal Doom?"

Zwei Tage später. N. sitzt bei mir im Zimmer. Ich nudele die Platte auf unsere mobilen Abspielgeräte. Das Experiment wird anders ablaufen als ursprünglich gedacht. Eigentlich sollten mehrere Testpersonen einzeln und nacheinander über den Friedhof laufen und danach von ihren Erfahrungen berichten. Ich würde mit einer Flasche Vodka am Ausgang warten - der wird dann nötig sein. Da wir nur zu zweit sind und ich noch keine Zeit für einen Selbstversuch hatte, disponieren wir um und beschließen, zusammen loszulaufen und uns später zu trennen.
Schon der Einstieg gestaltet sich spannend. N. muss morgen früh raus und so brechen wir kurz nach 23 Uhr auf. Die Sonne ist zwar untergegangen, doch ganz hinten am Horizont leuchtet ein schmaler Streifen am ansonst dunklen Himmel. Die ursprüngliche Einstiegstelle ist noch zu sehr von Passanten und vorbeifahrenden Autos frequentiert. So steigen wir notgedrungen in einer Nebenstraße auf die Mauer, ohne jedoch zu wissen, was uns dahinter erwartet: ein Abgrund. Zu hoch zum springen. Wir laufen eine Weile auf der Mauer entlang bis wir endlich über das abschüssige Dach einer Gruft auf der anderen Seite ankommen. Wir kichern leicht hysterisch und N. sagt, dass sie eigentlich nächtliche Friedhöfe schon gruselig genug findet. Wir sehen uns noch einmal tief in die Augen, wohl wissend um die eigene Beklopptheit. Dann setzten wir unsere Kopfhörer auf. 3, 2, 1, play...

1. Skeleton Key.
Mit nackenhaarsträubendem Quietschen schwingt ein rostiges Tor vor dem inneren Auge auf und gibt den Blick frei auf in graues Zwielicht getauchte Grabsteine, Bäume, Hecken, wild wucherndes Gebüsch. Das Dröhnen der Riffs aus unseren Kopfhörern wird uns bald von jedem Geräusch der Außenwelt abschneiden. Absetzen ist nicht erlaubt, der Versuch wäre dann in Schande beendet. Wir verständigen uns notdürftig mit Handzeichen über die einzuschlagende Richtung und setzen uns in Bewegung. Langsam. Vorsichtig. Die Musik lässt keine schnellen Bewegungen zu und diejenigen, die wir hier besuchen, haben es ohnehin nicht mehr eilig. Und das letzte, was wir wollen, ist auffallen...
Langsam schichtet sich das erste Riff auf, bis die Musik zu einer dritten Person wird, die uns auf Schritt und Tritt begleitet. Tiefe Dissonanzen, dazu gedacht, eine der ältesten Ängste zu wecken: die irrationale Furcht vor der Dunkelheit und dem, was sich darin verstecken könnte. Und uns beobachtet... Noch hält sich die Paranoia in Grenzen. Das Herz schlägt schneller, doch mehr vor Aufregung als vor Angst. Der erste wirkliche Schreck kommt, als N. ein einzelnes Grabmal näher betrachtet und plötzlich so heftig zusammenzuckt, dass sie sogar einen kleinen Luftsprung macht. Ich starre ebenfalls auf das Grabmal, versuche herauszufinden, was das Problem ist und bevor ich sie fragend ankucken kann, hebt im Zeitlupengitarrengedröhne plötzlich das Gekreisch an. Ich fahre ebenfalls aufs heftigste zusammen und greife mir in automatisierter Geste ans Herz. Irgendwo in meiner Hose. Dann grinsen wir uns beide an und lachen. Dass unsere Player leicht zeitversetzt laufen, bietet noch so manches mal Anlass zur Erheiterung. Auch die Art und Weise der Kommunikation sorgt für Auflockerung der Stimmung und bewahrt uns zunächst noch vor den Ausgeburten einer freidrehenden Fantasie. Wie beim Militär wird wild mit zwei Fingern vor den Augen gefuchtelt. Song eins neigt sich langsam dem Ende zu.

2. Tombs of the Blind Drugged.
Wir schleichen, mehr als wir gehen. Querfeldein, zwischen den Steinen, Bäumen und Hecken, bemüht, nicht versehentlich AUF ein Grab zu treten. Ich versuche, meine überbordende Phantasie im Zaum zu halten, die schuld daran ist, dass ich mich alle fünf Schritte nach N. umdrehe, fest damit rechnend, hinter mir urplötzlich niemanden mehr zu sehen. Unseres Gehörs quasi beraubt, starren wir umso angestrengter in die Dunkelheit. Das Grau-Schwarz der Dämmerung spielt unseren Augen Streiche, lässt uns Schatten, Gestalten, Bewegung, sehen, wo es gar keine gibt.
Wir stoßen auf einen breiten Weg an dessen Ende eine Mauer in den Himmel ragt. Bei Dunkelheit, vor dieser Soundkulisse wirkt sie mächtig und drohend. Aus der schwarzen Silhouette baut sich ein Gebäude vor uns auf und es ist, als würden die rollenden Bässe direkt aus den Wänden kommen. Wir gehen darauf zu. Inzwischen hat mich die Paranoia ganz gut im Griff und ich versuche mich an einem halbernstgemeinten Witz. Mit einer Hand deute ich auf die verschlossene Tür, und mache mit der anderen Hand ein Klopfzeichen. N. sieht mich an, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Als wir wenig später die Leichhalle erreichen, will sie, dass wir uns trennen. Jetzt sehe ich sie an, als hätte sie nicht alle Tassen im Schrank. Später meinte sie, wenn ich irgendwo klopfen will, soll ich das gefälligst alleine machen, sie würde jedenfalls nicht daneben stehen bleiben. Sondern lieber alleine weiterlaufen. Was daran weniger gruselig sein soll, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Wir vereinbaren mit kompliziertem Gefuchtel, uns in 10 Minuten wieder vor der Leichenhalle zu treffen. Dann gehen wir auseinander.
Ein kurzer Blick zurück über die Schulter. N. ist wie vom Erdboden verschluckt. Ab jetzt dreht jeder seinen eigenen Film. Ich gehe langsam an den Gräbern vorbei. Vereinzelt brennen Kerzen und ich ertappe mich oft genug dabei, wie ich mich erleichtert auf den warmen, flackernden Schein zwischen den Bäumen zu bewege, der Wärme, Sicherheit und die Präsenz anderer Lebewesen verspricht. Dort angekommen finde ich natürlich immer nur ein Grab. Hoffnungslosigkeit, nennt N. später das Gefühl, das mir bei dem Anblick der einsamen Kerze so flau im Magen liegt. Die Musik funktioniert perfekt. Als ich durch eine Öffnung in einer Hecke trete, liegt vor mir plötzlich ein kleines Gräberfeld aus dem mir anschwellende, klagende Schreie entgegenschlagen, so dass ich bei der Durchquerung fast die kalten Finger spüren kann, die mir an den Kleidern zerren. Bis jetzt schlage ich mich noch ganz wacker, wie ich finde.

3.The Serpent
Das erste Mal richtig die Fassung verliere ich, als ich auf eine kleine Wiese voller einzelner, in den Boden gesteckter Blumensträuße stolpere. Erst mittendrin bemerke ich, wo ich da hineingeraten bin. Die Erde unter meinen Füssen ist merkwürdig weich und nachgiebig und neben jedem einzelnen Blumenstrauß ist ein großer Fleck dunkler, frischer Erde. Die verwesten Finger schon an meinem Knöchel spürend, hüpfe ich ein paar Sekunden panisch von einem Bein auf das andere, bis mein Hirn wieder anspringt und mich mit einem Satz über die nächste Hecke (Kniehöhe!) außer Reichweite bringe. Mit klopfendem Herzen mache ich mich auf den Rückweg zur Leichenhalle. Ich habe ein wenig die Orientierung verloren und kann nur grob die Richtung schätzen, in die ich mich bewegen muss. Fremdartige, nicht identifizierbare Geräusche mischen sich in das Mahlwerk in meinen Ohren und ich kämpfe mit dem heftigen Wunsch, die Kopfhörer herunterzureißen, um angestrengt in die Dunkelheit zu lauschen. Sicher zu sein, dass ich wirklich alleine bin. Bewegt sich da vorne nicht etwas? Eine Gestalt? N.? Nein, da ist niemand... oder? Scheiße, Paranoia... ich stolpere durch das Unkraut und über zerborstene Grabsteine zur Leichhalle zurück. Die zehn Minuten sind um, doch von N. keine Spur. Sie hat sich verlaufen, wie sie mir später erzählt. Ich versuche, mich zu beruhigen. Das funktioniert nur bedingt. Ich fühle mich beobachtet, so dumm es klingt, von der aufragenden Silhouette der Leichenhalle hinter mir und der des Mausoleums zu meiner Linken. Von den schwarzen, schwarzen Fenstern, hinter denen... Ich schlage mich wieder zwischen die Gräber und husche eine Weile von Gebüsch zu Gebüsch.
Als ich zur Leichenhalle zurückkehre, ist von N. immer noch nichts zu sehen. Verdammt, wo steckt sie nur? Ich umkreise das Gebäude. Wieder an der Vorderseite angekommen entdecke ich sie ganz plötzlich in einer Nische verborgen an die Mauer gelehnt. Beide bekommen wir fast einen Herzinfarkt. Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg. Vor uns das letzte Lied.

4. Slaughtered and Maimed
Obwohl wesentlich kürzer als sämtliche vorausgehende Tracks, ist dieser Song die wohl fieseste Nummer auf dem ganzen Album. Ungefähr zwei Minuten lang passiert nichts und die Stille dröhnt nach einer guten halben Stunde sich dahinwälzender Drones mindestens genauso in den Ohren. Gerade als wir anfangen ungeduldig zu werden, kracht es los. Wir hüpfen wieder vor Schreck. Leicht zeitversetzt, versteht sich. Die Unheimlichkeit der Hintergrundgeräusche erreicht hier ihren Höhepunkt, ebenso die Paranoia. Gott sei Dank sind wir wieder zu zweit. Dieses Lied hätte ich ohne N. nicht überlebt und seien wir ehrlich, ich bin nicht sicher, ob ich es alleine überhaupt so lange ausgehalten hätte. Tombs Of The Blind Drugged endet in einem langgezogenen Fade out. Das erste Mal, dass mich das nicht nervt. Im Gegenteil. Mit dem Anblick der Friedhofsmauer vor uns und dem Wissen, dahinter die hell von Laternen erleuchtete Straße zu finden, bleibt das Grauen mit jedem Schritt weiter hinter uns zurück. Als der letzte Ton verklungen ist, streifen wir die Kopfhörer ab. Es ist eine befreiende Geste. Merkwürdig aufgekratzt legen wir die restlichen Meter zurück und tauschen Erfahrungsberichte aus. Auch N. meint, sie hätte es in Nähe der großen schwarzen Gebäude nicht ausgehalten, sich permanent beobachtet gefühlt und sei die meiste Zeit darum bemüht gewesen, möglichst unauffällig in den dunklen und bebuschten Ecken herumzuschleichen. Da sie mit dieser Sparte Musik eigentlich überhaupt nichts zu tun hat, frage ich sie, wie ihr denn das Album gefallen hätte. Nachdenklich wiegt sie den Kopf hin und her. "Nichts, was ich mir privat anhören würde. Aber als Soundtrack für einen miesen Horrortrip: unheimlich cool" Als wir an der Mauer stehen und ins Dunkel zurückschauen, sieht sie mich plötzlich mit leuchtenden Augen an und sagt: "Und weißt du was? Ich hatte teilweise so richtig übel Angst, aber gleichzeitig hab mich so wach und lebendig gefühlt, wie schon lange nicht mehr. Das ist doch krass, oder?"
I feel you, Sista.

Was die Punkte angeht: 8 für die Platte, eine glatte 10 für den Trip, den sie uns bescherte und damit landen wir irgendwo bei

9 von 10 Punkten



Tinnitus Bewertungsskala:
0-2 Müll! 3-4 Gerade noch hörbar 5-6 Mittelmaß 7-8 Gut 9 Spitze 10 Perfekt
 


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