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Blackmail - Aydo Abay, 16.01.2006
"Ich glaube dass sich der Horizont jetzt mal erweitern muss für uns."

Von Christian Bartlau

Auf dem Weg von Hamburg nach Berlin findet Aydo Abay, seines Zeichens Sänger von Blackmail, Zeit für ein Phoner-Interview über die neue Platte "Aerial View". Dass ich mit der Meinung von Jan Wigger über eben diese CD nicht einverstanden war, ist auch bis zu ihm vorgedrungen: "Sag mal warst du nicht der Typ der die Kritik geschrieben hat in der du den Spiegel-Redakteur verrissen hast ? Das fand ich sehr fair. Ich finde die Strokes-Platte zwar auch gut, aber unsere dann doch besser. Das muss ich jetzt zwar nicht sagen, aber ich tue es trotzdem." An Selbstbewusstsein hat es Abay noch nie gefehlt, und auf den Mund gefallen ist er definitiv auch nicht.



Hallo Aydo. Wo erwische ich dich gerade ?

Wir sind grade an einer Raststätte und fahren weiter nach Berlin. Wir sind grade auf Promotour.

Ihr habt grade am Freitag das Eurosonic-Festival in Groningen gespielt, wie liefs ?

Das war sehr schön eigentlich. Aber es war ein seltsames Gebäude, ein bisschen wie eine Kantine - es hat ganz schön gescheppert muss ich sagen.

Spielt ihr schon das neue Material ?

Natürlich.

Warum ist die Tour dann erst im März, ich hätte gedacht ihr spielt schon im Februar live ?

Wir wollen uns einfach drauf vorbereiten. Wir konzentrieren uns jetzt erstmal auf die Promo und wollen dann im März dann wirklich mal alle 5 Platten ausschöpfen.

Das heißt wir können im März dann auch mal wieder etwas von der Science Fiction [2.Album der Band - Anm. des Verfassers], die ja im Liverepertoire zuletzt vernachlässigt wurde, hören ?

Auf jeden Fall. Wir würden gerne mal wieder "Feeble Bee" und so spielen. Da muss man sich halt wieder einiges draufschaffen. Unser Keyboarder ist ja seit der "Friend or Foe?" neu dabei, der hat den Song auch noch nie gespielt. Da gilts halt ganz schön viel zu proben, dafür brauchen wir Zeit, deswegen erst im März.

Zu eurem neuen Album ... Der geschätzte Carsten Sandkämper hat in der Spex geschrieben, dass die "Aerial View" eure aggressivste Platte geworden sei. Ich hatte den Eindruck dass sie eher relaxt ist, vor allem im Gegensatz zur "Friend or Foe?", die für mich einen offensiven Charakter hatte. Wie würdest du die Grundstimmung der Platte beschreiben ?

Ich fand die "Friend or Foe?" nicht unbedingt aggressiv, sonder eher dunkel. Die "Aerial View" ist ja eher die freundlichste Platte die wir je hatten. Wir haben uns auch eher cool gefühlt bei den Aufnahmen, und das transportiert man ja auch meistens in die Platte rein.

Warum habt ihr euch grade an einem Punkt, wo ihr euch so lange kennt und euch im Studio wahrscheinlich blind versteht, mit Andi Jung das erste Mal einen bandexternen Producer ins Boot geholt ? Hattet ihr Angst vor Stillstand ?

Das war keine Angst vor Stillstand, sondern die Bequemlichkeit beziehungsweise der Neid vom Kurt. [Ebelhäuser, Gitarrist von Blackmail - Anm. des Verfassers] Der musste bei der letzten Platte uns dabei zusehen wie wir uns auf dem Sofa einen Film angeguckt haben, während er die ganzen Engineering- und Produktionsarbeiten gemacht hat. Da hatte er einfach keinen Bock mehr drauf. Er wollte das Privileg genießen einfach nur Musiker zu sein, sich auf die Musik zu konzentrieren und eine Produzenten zu hab der sich um die ganzen Arbeiten kümmert. Im Endeffekt haben wir die CD dann doch wieder mitproduziert, schließlich spricht man ja auch drüber. Die Arbeit von Andi war es, das außen stehende Ohr zu sein und uns schneller auf den Weg zu helfen. Und das hat er bravourös erfüllt.

Ich stelle mir seinen Job schwierig vor - mit einer Band zusammen zu arbeiten die jahrelang gewachsen ist, und trotzdem seine Vorstellungen durchzubringen. Habt ihr nicht manchmal kollektiv geblockt wenn ihr etwas nicht wolltet ?

Natürlich. Ich meine, wir sind natürlich Sturköpfe. Wir kennen den Andi aber auch schon seit Jahren, und das gute ist, der ist halt auch ein Sturkopf. Wenn er was wirklich durchsetzen wollte, gab es halt heftige Diskussionen. Aber letztendlich hat man sich halt in der Mitte getroffen oder wir haben uns durchgesetzt, weil im Endeffekt müssen wir ja mit dem Resultat leben und nicht er.

Inwiefern schlägt sich die Arbeit mit den Nebenprojekten - im letzten Jahr hast du Ken gemacht, Kurt Scumbucket - dann letztlich auf die Aufnahmen mit der Hauptband nieder ?

Es schlägt sich, obwohl wir das nicht wollen, natürlich irgendwo nieder. Das geschieht dann so unterbewusst, dass man eine Idee die man da hatte auch wieder mit einbringt, obwohl man es nicht will - schließlich sind die Bands ja immer noch verschiedene Paar Schuhe. Ich weiß es nicht genau, aber bestimmt ist es wirklich so drin.

Also ich finde persönlich, dass man den Ken-Einfluss ganz klar bei "Everyone safe" hört, weil der Sound so aufgeräumt und klar klingt wie auf der letzten CD von Ken.

Echt ? Ich weiß dass der Kurt die Platte total scheiße findet, oder es ist zumindest nicht sein Ding, und den Song hat er fast komplett allein geschrieben ... dann hört er die Platte wohl heimlich doch die ganze Zeit.(lacht)

Signifikant aufgefallen ist mir eine Veränderung in Kurts Gitarrenspiel ... Wie ich finde nimmt er sich vom Sound her sehr zurück, wo er früher die Songs fast überfahren hat.

Das war einer der Grundsätze die wir für die Platte hatten, dass die Gitarrenarbeit sich ändern muss. Der Kurt wollte auch selber, dass der Sound sich ein wenig differenzierter erklärt. Er wollte halt anders spielen, was er auch wunderbar geschafft hat. Das war der einzige Grund. Es war jetzt nicht gesagt dass die Gitarren zurückgefahren werden müssen. Nur, wenn du am Sound was verändern willst, dann fängt dass bei einer Gitarrenband meist bei der Gitarre an. Und das war dann ein Experiment das genau dahin geführt hat. Er spielt jetzt mehrere Gitarren die nie dasselbe spielen - was er früher halt gemacht hat. Die spielen eher miteinander, das ist teilweise sehr interessant. Manchmal hört man es auch gar nicht, obwohl es so ist.

Musst du eigentlich, wenn du ins Studio kommst, so einen Schalter umlegen und sagen: Okay, ich mache jetzt Blackmail ?

Nee. Wir sind relativ eingespielt aufeinander. Es ist ja auch so, dass relativ viel Zeit zwischen den Produktionen liegt und man sich da nicht groß umstellen muss. Das ist dann einfach so. Bei Blackmail ist auch der große Vorteil, dass wir uns schon jahrelang kennen. Manchmal macht es die Sache sehr viel einfacher wenn man weiß wie der andere tickt, manchmal ist es auch nervig und anstrengend. Aber im Endeffekt muss man da nix umschalten. Es sind ja Menschen mit denen man zu tun hat.(lacht)

Es ist viel darüber geschrieben worden, dass ihr von einem Major- zu einem Indielabel gegangen seid. Was ich aber bemerkt habe ist das der Aufwand bei der Promotion im Vergleich zur "Friend or Foe?" noch höher ist. Ihr seid viel präsenter, beispielsweise ist die "Aerial View" in Berlin im U-Bahn-Fenster Album der Woche - habt ihr diesen hohen Aufwand selbst auch forciert ?

Da ist tatsächlich viel drüber geschrieben worden, dabei sind wir da eigentlich ganz einfach drangegangen - Wie kommen wir ins Ausland ? Das ist über ein Indie viel einfacher als über einen Major, und grade bei City Slang sind die Strukturen dafür gegeben. Zur Promotion muss ich sagen, dass sie auch meinem Gefühl nach noch dicker ist als zu Warner-Zeiten. Das war auch damals so aufgezwungen. Wenn ich jetzt nicht in dieser Band wäre hätte ich gesagt: Ist auch mal gut jetzt langsam, also mit dieser Bauzaunplakatierung und so. Im Endeffekt ist die Promo jetzt eher auf den Punkt gebracht und bringt auch am Ende mehr.

Habt ihr denn das Gefühl dass ihr mit dem 5.Album langsam über einen bestimmten Status hinauskommen müsst ? Ihr seid sehr anerkannt und bekannt in bestimmten Szenen, aber eben auch nicht im Ausland, wenn man mal von Japan absieht.

Es ist unser großes Ziel, mit der "Aerial View" auch mal andere Leute anzusprechen als unsere feste Fangemeinde. Es würde uns jetzt nicht den Hals brechen wenn wir auf dem Level stehen blieben, aber so ein bisschen mehr wäre schon nicht schlecht. Und unsere ganz große Hoffnung liegt im Ausland. Wir kriegen wirklich viel positive Resonanz von Leuten aus dem Ausland, die uns irgendwie im Urlaub oder von einem Freund gehört haben und auf uns abfahren. Und ich glaube wirklich, dass sich der Horizont mal erweitern muss für uns. Außerdem komm ich ja so nicht ins Ausland um Urlaub zu machen, vielleicht dann halt auf dem Wege ...



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