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Sehr schön, beschaulich und verspielt kommt das aktuelle Album der Band Setting Sun, deren Zentrum der liebe, einfache und zurückhaltende Gary Levitt bildet, mit Namen Fantasurreal daher. Die Wellen, die eine solche feingliedrige Nischenkunst schlägt, sind (leider?) kollektiv überschaubar, persönlich dafür enorm. Am Interview beteiligte sich ebenso die Labelpartnerin und Mitmusikerin Erica Quitzow, deren Band Quitzow auf dieser Seite ebenfalls bereits Erwähnung fand. Das Gespräch verlief amüsant und anregend und erst, nachdem das Aufnahmegerät ausgeschaltet wurde, kam es zu emotionalen, zwischenmenschlichen Ausschreitungen, eine dunkle Wolke, die wir im Sinne des Inhalts und der gelungenen bis fantasurrealen Musik beider Bands, bewusst hintanstellen. Daher: Die harmonieselige, untergehende Sonne vor dem krachenden Gewitter der dunklen Nacht:
Ich habe Setting Sun mit dem neuen Album, Fantasurreal, kennen und mögen gelernt. Leider kenne ich aber nur dieses Album und hatte noch nicht das Vergnügen, die anderen Alben kennen zu lernen. Kannst du die musikalische Entwicklung, die du und deine Band eingeschlagen haben, kurz zusammenfassen?
Gary Levitt: Das erste Album mit Namen Hold Up wurde geschrieben und aufgenommen in ungefähr 6 Monaten in San Francisco. Ich begann zu lernen, wie man aufnimmt. Das zweite heißt Math And Magic und wurde ebenfalls in Kalifornien aufgenommen, aber in Los Angeles. Dankenswerterweise bekam ich Hilfe und Unterstützung beim Aufnehmen. Das dritte trägt den Namen Children Of The Wild, was ich ganz allein aufgenommen habe. Ich entwickelte die Fähigkeiten, eine Platte aufzunehmen. Das ist es, was ich inzwischen tue, um das nötige Geld zum Überleben zu verdienen: Ich produziere andere Bands, ich bin Produzent. Children Of The Wild war sozusagen meine erste Produktion. Und das aktuelle Album, Fantasurreal, ist noch einmal größer und ausgiebiger produziert.
Du hast mehr Möglichkeiten entdeckt, den Klang zu verändern und zu entwickeln?
Gary: Ja, vor allem mehr elektronische Elemente.
Meine Frage nach der Entwicklung der Band zielte aber mehr auf den musikalischen Werdegang: Wie entwickelte sich die Musik von Setting Sun vom Anfang bis zur aktuellen Platte?
Gary: (überlegt) Ich denke, es ging immer eher um den Song: Songwriting, Melodien... Aber nun ist die Musik elektronischer, experimenteller und hoffentlich moderner. Hold Up, das erste Album, hatte Geigen, Violinen, Celli, währenddessen Fantasurreal zusätzlich noch Synthesizer und Trompeten beinhaltet, viel mehr Studiozaubereien enthält.
Hat sich der Charakter oder die Struktur der Songs verändert?
Gary: Eher nicht so sehr: Es handelt sich immer noch um Pop-Songs á la Beatles: Strophe, Refrain, Strophe, Refrain...
Was ist also die beste Art, die Musik von Setting Sun zu charakterisieren?
Gary: (lacht) Ach, das überlasse ich lieber Menschen wie dir, du bist schließlich der Schreiberling.
Aber es wäre doch interessant zu hören, welche Prioritäten du in deiner eigenen Musik setzt, welche Ziele du anpeilst, was du beim Hörer bewirken möchtest?
Gary: Emotionen. Emotionale Reaktionen, darum geht es in meiner Musik, das mag ich am meisten an Musik, egal ob Glück, Trauer, Melancholie oder was auch immer.

Ja, deswegen gefällt mir auch Fantasurreal so gut: Es hört sich an, als wäre es aus einer melancholischen Grundstimmung erwachsen, eine Stimmung, die den kleinen, schönen Melodien mehr Gewicht und Bedeutung verleiht, so dass man sie noch besser genießen kann.
Gary: Danke, das ist gut.
Kannst du mir etwas erzählen über den Prozess des Songwritings bei Setting Sun: Gibt es da eine typische Reihenfolge, in der Songs entstehen?
Gary: Dieses Album entstand eher durch Probieren: Ich habe einen Drumloop angeschaltet, dazu etwas Gitarre gespielt und gesungen, was mir gerade einfiel. Das alles habe ich aufgenommen. Ich habe sozusagen mit mir selbst gejammt. Daraus entstanden dann ganz natürlich musikalische Ideen, die ich dann zusammenfügte, so dass am Ende ein Song stand.
Und wie verhält es sich mit der Beziehung zu deinen Mitmusikern: Schreibst du ihnen genau vor, was sie zu spielen haben oder besitzen sie auch Freiräume?
Gary: Meistens sage ich ihnen, was sie spielen sollen. Aber bevor ich ihnen meine Vorstellungen mitteile, lasse ich sie erst mal selbst spielen und Ideen finden. Denn wenn man einmal jemanden etwas vorgeschrieben hat, entstehen in dessen Kopf keine eigenen Ideen mehr. Wenn ich produziere, egal ob anderer Leute Musik oder meine eigene, ist mein Grundsatz, zuallererst die Ideen der anderen zu hören, sie kreativ sein zu lassen und erst dann, wenn sie keine Ideen mehr haben, meinen Gedanken Gehör zu verschaffen.
Also ist das Grundgerüst eines Songs musikalisch und erst dann folgen die Texte?
Gary: Die Reihenfolge ist normalerweise so: Zuerst die Akkorde und deren Struktur, dann der Text und seine Melodie, zum Schluss dann die ergänzenden Melodien, also für Violine, Cello, Trompete.
Das Interessante an Setting Sun und auch an Quitzow ist ja, dass in beiden Bands zwei selbstständige und eigene Songwriter zu finden sind, aber nur einer die Songs hauptsächlich schreibt: Du, Gary, bei Setting Sun und Erica bei Quitzow. Könnt ihr euch denn vorstellen, einmal gemeinsam die Songs schreibt wie Songwriting- Duo gleich Lennon und McCartney?
Gary: Das wäre wunderbar. Bei Fantasurreal half mir Erica, The Tree zu schreiben.
Erica: Ich wäre McCartney!
Wer welche Rolle übernimmt, wäre die nächste Frage gewesen.
Gary: Und Lawrence (Roper), unserer Keyboarder, half auch dabei, zwei Songs zu schreiben. Denn manchmal komme ich an einer Stelle des Songwritings nicht weiter, so dass ich meine Band dazu zwinge, mir mit ihren spontanen Ideen zu helfen. (lacht)
Entwickelt sich Setting Sun in eine demokratischere Form von Band, wo neben dir auch andere ihre Songs und Ideen mehr einbringen?
Gary: Ja, sie helfen beim Schreiben der Songs, die Band ist zugleich Demokratie und Diktatur. (lacht)
Erica: Wenn ich unterbrechen darf: Ja, natürlich kommt Gary mit seinen Songideen zu den anderen und stellt sie vor, fragt nach ihren Vorschlägen. Es ist schließlich sein eigenes Projekt.
Gary: Ja, definitiv. Die Bandmitglieder wechseln auch häufiger.
Ihr seid die einzigen beiden, die immer bleiben und den festen Kern von Setting Sun bilden?
Gary: Ja.
Erica: Ich bin nur dafür da, seine Ideen zu kanalisieren. Ich möchte gar keine Demokratie sein, das wäre zu schwierig. Wir wollen seine Ideen nicht durch Kompromisse beschneiden.
Gary: Aber wenn jemand eine Idee hat, die mir gefällt, dann benutzen wir sie auch. Die Entscheidung liegt aber in meinen Händen.

Also haltet ihr es für unmöglich, euch gemeinsam und gleichberechtigt in den Entstehungsprozess eines Songs einzubringen?
Gary: Wenn es funktioniert... Ich meine, ich helfe ihr mit Quitzow- Songs und sie hilft mir bei Setting Sun, aber das ist doch was anderes.
Erica: Wir hatten mal eine Band zusammen.
Gary: Ja, eine Band mit Namen Heavy Pebbles, bestehend aus uns beiden, eine gleichberechtigte Demokratie. Aber dann begannen die Streitereien...
Erica: Das geschieht ganz natürlich, gerade in der Atmosphäre eines häuslichen Aufnahmestudios- inzwischen haben wir ein professionelles Studio, wo man seinen eigenen Drumbeat einspielen kann, um drei am Morgen sich allein ausprobieren... Es passierte ganz von selbst, dass unsere Projekte sich verselbstständigten und in andere Richtungen entwickelten.
So war es interessanter?
Gary: Ja, wir begannen beide, so viele Songs zu schreiben, dass sie zusammen nie und nimmer auf ein Album gepasst hätten. Die Akzente im Songwriting verschoben sich und es entstanden zwei Bands: Einerseits Quitzow mit mehr Elektro-Pop und Dance und Spaß und andererseits Setting Sun.
Also habt ihr die Spannungen von Lennon und McCartney schon viel eher durchlaufen, nur freundlicher, ohne des anderen Musik als Muzak zu diffamieren?
Gary + Erica: (lachen) Ja.
Erica: So etwas sollten wir nie tun...
Ihr seid nicht nur Musiker, sondern habt auch euer eigenes Plattenlabel.
Gary: Ja, Young Love Records. Wir begannen als eine Art Kollektiv, wo wir unsere eigene Musik und die unserer Freunde veröffentlicht haben...
Erica: Nicht aller unserer Freunde, nur die Musik von hart arbeitenden Freunden.
Gary: (lacht) Faulpelze kommen uns nicht in die Tüte. Dadurch hilft die Arbeit jedes einzelnen gleichzeitig allen anderen.
Wann habt ihr denn Young Love Records gegründet und wie kam es dazu?
Gary: Ich denke, 2004.
Erica: Der Name Young Love entstand aus einer Wortassoziation: Wörter, die dafür sorgen, dass Menschen sich gut fühlen, Jugend und Liebe.
(lacht) Darum geht es?
Erica: Ja, alles Marketing. (lacht) Schreib das nicht! Ist doch nur Ironie...
Ja, ja... Und wie kamt ihr auf den Gedanken, eine eigene Plattenfirma zu gründen?
Gary: Das lief ganz natürlich ab. Wir wollten professioneller erscheinen.
Erica: Wir wurden von anderen Labels umworben. Ihre Profitgier erniedrigte uns: Wir sollten quer durchs Land fliegen für sie, uns einen anderen Schlagzeuger zulegen, mehr Songs aufzunehmen...
Gary: Wir haben nicht die richtigen Menschen gefunden, mit denen wir zusammenarbeiten können. Ich will meine Musik nicht jemandeM überlassen, der sie nicht wertzuschätzen weiß.
Erica: Ja, deswegen war der ganze Prozess der Fremdvermarktung so erniedrigend und es ist wirklich sehr nett, die Kontrolle zu haben, alles selbst entscheiden zu können und zu sehen, wie viele Alben wir verkaufen...
Aber ein eigenes Plattenlabel zu führen bedeutet auch mehr Arbeit...
Erica: Ja, auf jeden Fall. Wenn es Menschen wären, denen ich traue, dann würde ich das auch anderen überlassen...

Ist denn die Vermarktung der eigenen Musik sehr zeitaufwendig und ist die künstlerische Freiheit dieses Mehr an Arbeit wert?
Gary: Ja, es kostet zwar viel Zeit, aber ich mag die Businessarbeit. Ich denke, sie ist ein gutes und nötiges Gegengewicht zur Kunst. Die Büroarbeit sorgt dafür, dass ich die kreative Tätigkeit wertschätze und nach all dem Papierkram will ich auch wieder kreative Sachen tun. Genau wie ein ganzer Tag auf Arbeit dazu anhält, die eigene Freizeit sinnvoll zu nutzen.
Und bei dir, Erica?
Erica: Mal so, mal so: Manchmal habe ich keine Lust auf Businessarbeit und manchmal macht es mir Spaß. Es ist aber genauso bei Musik: Ich liebe es, einen Song zu schreiben, habe aber manchmal keine Lust, mich durch Tausende an Midi-Sounds zu wühlen auf der Suche nach dem richtigen, das kann ab und an auch in Arbeit ausarten. Und auch in anderen Bereichen: Manchmal koche ich gern was zu essen...
Gary: ... und manchmal ist es viel schöner, sich etwas liefern zu lassen.
Also bereut ihr nicht, euer eigenes Label zu führen?
Erica: Bisher nicht. Zumindest nicht, bis das richtige, passende Label auf uns zukommt mit Menschen, die unsere Ideen mögen und nicht selbst Ideen für uns haben.
Gary: Es kommt immer auf die Menschen an...
Wie kommt man denn finanziell über die Runden als Labelbesitzer?
Erica: Ganz gut eigentlich. Gary arbeitet noch als Produzent und ich bin Musiklehrerin, aber mit Plattenverkäufen, Tourneen und Lizensierungen können wir einen schönen, ausreichenden Betrag für unseren Lebensunterhalt erwirtschaften. Das lohnt schon.
Schön zu hören.
Gary: Es ist harte Arbeit, aber es macht sich bezahlt und das ist gut.
Erica: Nicht in Form von einem riesigen Stundenlohn, aber doch insgesamt.
Letzte Frage: Gibt es denn eine Geschichte hinter den Namen Setting Sun?
Gary: Ja, ich habe nach einem Namen gesucht, der ambivalent ist: Es könnte eine Band sein, aber auch ein Solokünstler. Wie Cat Power oder Bright Eyes, so in der Art. Als ich Setting Sun erschaffen habe, wusste ich, dass Bandmitglieder kommen und gehen würden und ich allein die Konstante sein würde.
Erica: Ich glaube, es gibt einen Bezug zu den amerikanischen Ureinwohnern in dem Bandnamen. Menschen verwechseln Gary immer und denken, er wäre Mexikaner oder Indianer. Ich denke also, der Bandname kommt aus der Seele der amerikanischen Ureinwohner.
Gary: (lacht) Außerdem ist es ein melancholischer, gedankenschwerer Name aus einem meiner Songs.
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