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Machen wir uns nichts vor: Diese Internet-Seite, die Sie gerade mit ihrem Besuch beehren, ist keine riesengroße Seite, die von Tausenden williger Leser ständig verschlungen wird, sondern eher ein kleines, beschauliches Fanzine am (manchmal subversiven) Rande des wahrnehmbaren Journalismus. The National dagegen verlassen den Rand des Musikbusiness immer mehr, ergattern Jubelstürme von Fans und Kritikern überall, selbst die Bild-Zeitung kommt um einen Artikel nicht umhin, Platz 10 der Albumcharts... die Band geht sprichwörtlich durch die Decke. Umso erfreulicher, dass sich der kleine, wuschelige und etwas hemdsärmelig wirkende Gitarrist, Bassist, Keyboarder und Hintergrundsänger der umjubelten Band vor dem ersten der zwei selbstverständlich ausverkauften Berlin-Konzerte die Zeit nahm, einem unbeholfenen Kleinstjournalisten Rede und Antwort zu stehen und mit seiner bestimmten, geistreichen und auch weitschweifenden Erzählkunst zu beehren.
Aaron Dessner: Sollen wir über die Fußball-Weltmeisterschaften sprechen oder über Musik?
Schon eher über das interessantere Thema: Musik. Wie lief denn die Tour bisher? Viele ausverkaufte Shows und begeisterte Fans überall?
Aaron: Bisher war jede Show ausverkauft und ich denke auch, dass weiterhin jede Show ausverkauft sein wird. Wir spielen inzwischen in recht großen Hallen. Ende Mai geht es zurück in die USA und Kanada, wo wir meistens zwei Auftritte pro Stadt absolvieren, wie hier in Berlin, nur dass die Konzerthallen größer sind als in Europa. Ja, und das ganze Drumherum ist natürlich auch entsprechend größer: Wir reisen mit mehr Equipment, benutzen mehr Lichteffekte...
Mehr Show-Elemente?
Aaron: Ja, sozusagen. Das ist sehr aufregend. Obwohl wir natürlich nach wie vor so spielen, wie wir das immer tun. Wir versuchen, uns nicht anzupassen und spielen jedes Konzert als wäre es unser letztes. (lacht)
Zu High Violet: War der Aufnahmeprozess schwierig oder eher einfach? Besonders im Vergleich zu den vorhergehenden Platten.
Aaron: Ich denke, dass uns High Violet leichter fiel als Boxer. Wir haben ein Aufnahmestudio hinter meinem Haus in Brooklyn gebaut, so dass wir unser eigenes Studio hatten, alles selber tun konnten, wann und wie auch immer wir wollten. Es gab keinen Druck von außen, zu einer bestimmten Zeit fertig sein. Das erleichterte es uns, zu Hause kreativ zu sein, weil es zwar sehr klein ist- eigentlich befindet sich das Studio in einer Garage- aber auch sehr gemütlich. Dadurch konnten wir mehr mit Sounds und Formen experimentieren, Klänge finden, die uns interessieren. Ich denke, High Violet ist eine andere Art von Album als unsere bisherigen: Es ist viel bruchstückhafter, rauer, und die Klangqualität soll bewusst nicht immer die bestmögliche sein, eine Art verrückte Mischung aus sauberem und dreckigem Klang, wie z.B. The Velvet Underground oder My Bloody Valentine. Wir haben versucht, etwas zu kreieren, was mehrere Ebenen hat, weniger aufbereitet und ungewöhnlicher für die Ohren der Hörer klingt. Matt (Berninger- Sänger von The National) klingt immer noch wie ein verletzter Mann, aber tiefgründiger und weiter. Ich denke, High Violet aufzunehmen, machte sehr viel Spaß. Aber am Ende holt uns trotzdem der Druck ein, die Songs fertig zu stellen und das ist wirklich hart, denn keiner stimmt mit nichts überein und am Ende ist jedes Detail Ergebnis einer großen Schlacht (lacht). Es braucht seine Zeit, ein Album aufzunehmen. Und Matt braucht auch seine Zeit, um die Texte zu schreiben. Die Musik kommt an erster Stelle und erst danach fügt sich der Gesang ein.
Brauchtet ihr länger für High Violet im Vergleich zu euren bisherigen Alben?
Aaron: Na ja. Alligator ging sehr schnell, für Boxer und High Violet benötigten wir ungefähr die gleiche Zeit.
Liegt das erhöhte Maß an Kreativität, was ein eigenes Studio bringt, an dem Gefühl, zu Hause zu sein?
Aaron: Definitiv. Man fühlt sich heimisch und spürt die Selbstbestimmung des Eigentums, fühlt sich nicht wie jemandes anderen Marionette. Es ist viel organischer und natürlicher, zu Hause Musik aufzunehmen, weil dort ja auch die Musik geschrieben wird. Ich denke, unser Aufnahmeprozess bedarf Entwicklung und Veränderung von Album zu Album. Vielleicht nehmen wir die nächste Platte ja gar nicht wieder zu Hause auf. High Violet spiegelt definitiv die Aufnahmen in einer Garage wieder: Eine epische, weitschweifende Platte, die in Hausarbeit entstanden ist, gleichzeitig orchestral und häuslich, wie ein Orchester, aufgenommen mit einem Vierspurgerät.
Wie lange braucht ein typischer The National-Song denn ungefähr, um fertig gestellt zu werden?
Aaron: Die Grundidee eines Songs ist musikalisch. Danach setzt Matt sich lange Zeit mit dem musikalischen Grundgerüst auseinander und entwirft Melodien zu dem Instrumentalsong, indem er erst mal nur murmelt. Erst danach hört er die passenden Wörter. Dieser Prozess dauert Monate, um ein zufriedenstellendes Ergebnis zu finden. Während wir dann den Song weiterentwickeln, arbeitet Matt an den Texten, aber an mehreren zur gleichen Zeit. Erst ganz am Ende verarbeiten wir all das zu einem normalen Rocksong. Obwohl wir natürlich auch mit dem Sound experimentieren, um dem einfachen Song mehr Tiefe und Substanz zu geben. Das braucht ebenfalls Monate. Die Zeit insgesamt von der ersten Idee bis zur Fertigstellung eines Songs beläuft sich also auf mindestens 6 bis 7 Monate, außer wenn wir Glück haben oder einen Song erschaffen, der nicht für ein Album bestimmt ist und nur zum Spaß entsteht.
Durchläuft denn ein Song innerhalb seines Entstehungsprozesses viele Veränderungen oder bleibt er ungefähr der selbe?
Aaron: Wir nehmen mehrere Versionen auf und schmeißen sie dann weg. Das mag verrückt klingen, aber jeder probiert Verschiedenes aus. Und wenn etwas sich nicht vollständig richtig anfühlt, dann verwerfen wir es. Wir sind nicht die Art von Band, die einen Song normalerweise gleich beim ersten Mal aufnimmt. Vielmehr braucht es viel Zeit und viele Versuche, die passende Stimmung und den richtigen Ton für einen Song zu finden. Deswegen dauert dieser Prozess auch so lange. Das kann einen ganz schön verrückt machen: Es macht zwar Spaß, aber es kann auch frustrieren. Jedes mal, wenn wir ein Album fertiggestellt haben, schwöre ich mir, nie wieder eins aufzunehmen. Man hört den Songs im Idealfall nicht die viele Arbeit an, die dahinter steckt, aber wir arbeiten sehr hart daran.
Kann es also durchaus mal vorkommen, dass ein Song seinen Charakter vollkommen wandelt?
Aaron: Ja, natürlich. Conversation 16 z.B. war am Anfang eine Pianoballade, zwar bereits mit aller Rhythmik, aber das Grundgerüst bildet das Piano. Als die Melodie dazukam und Matt zu singen begann, entwickelte der Song sich in Richtung Rock. Das Selbe bei Bloodbuzz Ohio, das zuallererst ein kleiner, ruhiger Folk-Song war. England funktioniert wunderbar nur mit Piano und Gesang, aber am Ende des Liedes ließen wir den Song explodieren. Manchmal geschieht auch das Gegenteil und aus einem lauten Song wird ein leiser. Wir wissen es nicht vorher, welchen Weg ein Song einschlägt. Auch die Geschwindigkeiten innerhalb eines Songs können variieren: Bei Bloodbuzz spielt die Band sehr schnell und treibend, während Matt sanft und ruhig singt. Ebenso bei Brainy auf Boxer: Ein schneller Rhythmus, während Matt sehr ruhig singt. Ich denke, das ist es, was wir meinen: Wir versuchen die richtige Version zu finden, indem wir normalerweise alles probieren, das falsche heraushauen und was übrig ist, stellt den Song dar. Die Entstehung der Songs würde sicherlich auch anders gehen, aber für uns, da Matt nur textet und singt, also kein Instrument spielt, so dass wir die Musik für ihn schreiben, ist das der ideale Arbeitsprozess, durch den Songs entstehen. Und das dauert nun mal: Jeder hat seinen Standpunkt und jeder will den endgültigen Song für gut befinden.
Ein hoher Qualitätsstandard?
Aaron: Ja. Obwohl wir manchmal gerade die hässlichsten Songs mehr als die leichten mögen.
Gibt es da einen Zusammenhang zwischen der Zeit und Anstrengung, die ein Song benötigt, und der Zufriedenheit mit dem Ergebnis?
Aaron: Nicht unbedingt, aber manchmal. An Bloodbuzz z.B. haben wir Ewigkeiten gearbeitet und es ist ein Song, den ich im Moment nicht mehr mit Freude hören kann, weil wir zu hart daran gearbeitet haben. Aber natürlich gibt es andere Songs, die viel Anstrengung gekostet haben und mir gefallen. Eigentlich bin ich zufrieden mit dem ganzen Album.
Es scheint keine Möglichkeit zu geben, die Musik von The National zu beschreiben, ohne das Wort "Melancholie" zu benutzen. Was denkst du, ist eine melancholische Grundstimmung vonnöten, um einen guten Song zu schreiben?
Aaron: Nein, ich finde nicht, dass Melancholie für einen guten Song notwendig ist. Ich halte auch unsere Songs nicht für so melancholisch wie sie meistens dargestellt werden. Es gibt viele ironische und herzliche Songs. Songs können unterschiedlich interpretiert werden und man kann durch einen traurigen Song sich auch glücklich fühlen. Wir haben einen Humor in unserer Musik, der meistens als Trauer missverstanden wird, obwohl es nicht traurig gemeint ist... Ich mag keine Jazz- und Durakkorde, deswegen gibt es so viele Mollakkorde in der Musik. Dazu noch Matts Art zu singen, oftmals nur in einer beschränkten melodischen Spanne, er ist ja schließlich auch kein klassisch ausgebildeter Schreiber, was nicht heißen soll, dass ich seine Melodien nicht großartig finde. Er ist nur eine andere Art von Songwriter als z.B. John Lennon und andere klassische Songwriter. Sein Stil geht eher Richtung Leonhard Cohen, Bob Dylan oder Tom Waits: Die Melodie spielt eher eine auch wichtige, aber doch untergeordnete Rolle, es geht vielmehr um den Inhalt des Textes und das Gefühl hinter dem Song. Jedenfalls: Viele Menschen fassen die Musik von The National als melancholisch auf, aber das ist nur ihre Interpretation und nicht unsere eigene Wahrnehmung. Wir gehen nicht an das Songwriting heran mit dem Willen, einen traurigen Song zu schreiben. In Conversation 16 singt Matt: "I was afraid I ate your brain." An sich versucht er komisch zu sein! Aber da er es auf seine dunkle Weise singt, wirkt die Zeile viel ernster als sie eigentlich gemeint ist. Für uns als Band aber ist die Zeile sehr witzig und wir werden missinterpretiert. Aber es stimmt: Es fällt uns schwer, Songs zu schreiben, die glücklich klingen, weil die meisten glücklichen Songs ziemlich nerven.
Könntest du dir denn vorstellen, einen hauptsächlich positiven Song zu schreiben ohne Trauer und Melancholie und wie würde so ein Song denn ungefähr klingen?
Aaron: (überlegt) Vielleicht so in etwa wie Mr. November oder Little Faith. Natürlich sind beide Lieder dunkel und bedrückt, aber auch sehr freudenreich. Es gibt Bands, die können gute positive Songs schreiben wie LCD Soundsystem oder Hot Chip, aber so ganz unser Metier ist das nicht. Mr. November aber ist ein fröhliches Lied. Erst war es ein wütender Song, aber nun, da die politischen Verhältnisse sich geändert haben, kannst du den Leuten erzählen, dass es ein fröhliches Lied ist. (lacht)
Welche besonderen musikalischen, literarischen, persönlichen Einflüsse gab es denn, die High Violet besonders prägten?
Aaron: Bryce (Dessner- ebenfalls Mitglied von The National) und ich wollten ein Album machen, was ambitionierter und risikoreicher ist. Also schrieben wir schwieriger zu spielende, komplexere Musik. Aber das meiste davon bzw. eigentlich alles fand keine Verwendung auf High Violet und wurde stattdessen für unser anderes Projekt namens The Long Count benutzt. Ein 70-minütiger Songzyklus, den wir an der Brooklyn Academy of Music entwarfen und zu dem auch ein animierter Film vom visuellen Künstler Matthew Ritchie gedreht wurde. Kim und Kelley Deal von den Pixies bzw. Breeders sangen bei diesem Projekt, dazu noch Matt und Shara Worden. Wir benutzten jedenfalls viel dieser Musik für das Projekt. Indem wir aber zusammen mit Kim und Kelley Deal spielten, lernten wir mit ihrer Gitarrenstimmung umzugehen, diesem fetten, komischen Klang, für den sie stehen und den sie mit den Pixies und den Breeders in den 90ern geprägt haben. Bryce und ich entschieden uns aus dieser Erfahrung heraus, auf unsere übliche Art, Gitarre zu spielen, also Fingerpicking, zu verzichten und eher diesen vollen, seltsamen Gitarrenklang zu erzeugen. Andererseits: Wir sind wie ein John Cale, der vom Minimalismus stark beeinflusst wurde, auch geprägt von Terry Riley und Philip Glass und anderen modernen Minimalisten, was man in der Instrumentierung vielleicht hören kann. Auch über The Velvet Underground And Nico und diese unter Schall versteckten Songs dachten wir nach. Manche meinen, unsere Platte klinge dreckig oder schlecht, aber das ist Absicht: Versehentliche Harmonien und tonale Wolken, die die Sonne aus Harmonie nur ab und an durchscheinen lassen, um noch mehr Freude auszulösen. Aber natürlich schreiben wir keine Musik mit einer spezifischen Idee im Hinterkopf, wie sie zu klingen hat. Ich höre schon gern Musik, aber wenn man gerade aufnimmt und ständig den Kopfhörer auf hat, dann schmälert das den unbedarften, freizeitlichen Hörgenuss etwas. (verzieht das Gesicht)
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