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The Hirsch Effekt
"Nicht daran interessiert, bei allen Menschen eine Chance zu haben"

Von Andreas Hofmann

The Hirsch Effekt haben Potenzial zum Spalten! Während sich die meisten Rezensionen kaum einkriegen, wie großartig das Debütalbum holon : hiberno ist, sind andere der Meinung, die Band habe den Beweis dafür angetreten, "dass aus Hannover nur Scheiße kommt - Scorpions, Eloy, 96".
Besonders stößt sich der eine oder andere am deutschen Gesang. Grund genug für Sänger/Gitarrist Nils Wittrock, mal ein paar Sachen zu klarzustellen...



Was der "Hirsch-Effekt" ist, hat man in Zeiten des Internets ja schnell herausgefunden (Wikipedia ist Dein Freund). Wie kommt man denn darauf, sich für einen derart unappetitlichen Bandnamen zu entscheiden?


Philipp ist durch Zufall über den "Hirsch Effekt" genannten Vorgang gestoßen, und uns gefiel gut, dass man damit alles mögliche assoziiert - in erster Linie wahrscheinlich irgendwas mit einem Hirsch und nicht mit dem, was damit wirklich gemeint ist. Die Leute werden auf eine falsche Fährte gelockt. Vielleicht ist da auch ein bisschen die Verbindung zu unserer Musik.

Im großen und ganzen sind die Reaktionen auf holon : hiberno ja bislang recht gut gewesen. Da Ihr für die meisten Leute eine neue Band seid, kommen die Rezensionen selten ohne Vergleiche aus. Um Eure Musik zu beschreiben, werden in Rezis und Internetforen extrem viele Namen ausgepackt, als da wären: Blumfeld, Voivod, Devin Townsend, Silbermond, Meshuggah, Japanische Kampfhörspiele, Coheed and Cambria, The Sound Of Animals Fighting, At The Drive-In, Mastodon, The Mars Volta. Was ist dran an den Vergleichen? Welche überraschen, welche schmeicheln Euch, welche nerven oder ärgern Euch sogar?

Du hast The Fall of Troy vergessen. Der Name fällt am häufigsten. Ich glaube, die meisten Leute würden überrascht sein, wenn sie mein CD-Regal sehen würden. Von den von dir genannten Band findet man dort lediglich At The Drive-In und The Mars Volta.
Aber um das mal abzukürzen: The Hirsch Effekt haben das Rad nicht neu erfunden und werden das sicherlich auch in Zukuft nicht tun. Bestimmt hört man irgendwo Anleihen; dennoch würde ich mir wünschen, die Rezensionen würde eher die Musik auf holon : hiberno beschreiben, als uns mit anderen Bands zu vergleichen - zumal man auf dem Album doch auch ganz offensichtlich musikalische Anleihen aus bandfreien Zusammenhängen findet.
Geschmeichelt hat mir vor kurzem ein Vergleich mit Antitainment, weil ich finde, dass das eine fantastisch hemmungslose und konsequente Band ist.

Es gab von Seiten der Internet-Gemeinde auch ein paar kritische Stimmen: Euch wurde explizit vorgeworfen, andere Bands beklaut zu haben. Außerdem kommt vor allem Dein Gesang mitunter sehr schlecht weg. Ist Euch das auch außerhalb des Internets schon mal passiert, und wie geht Ihr mit sowas um?

Wir wissen um unsere Stärken und Schwächen an den Instrumenten und reden da offen drüber. Klar - der Gesang steht für die meisten Hörer im Mittelpunkt und deshalb so auch in der Kritik. Wir sind dennoch mit dem Gesang auf dem Album zufrieden.
Was den Vorwurf des bewussten Diebstahls anbelangt, sind wir häufig überrascht. Die Leute gehen häufig davon aus, dass ihre musikalische Auffassung eine Allgemeingültigkeit hat. Nur weil man sich bei Lied X an Band Y erinnert fühlt, bedeutet das nicht, dass da ein Zusammenhang besteht.

Gab es denn jemals die Überlegung, in englischer Sprache zu singen? Immerhin dürfte die Wahrscheinlichkeit, dass Eure Musik mit deutschen Texten auch international Wellen schlägt, sehr gering sein.

Es ist für mich vollkommen natürlich, meine Emotionen in meiner Muttersprache auszudrücken. Englisch zu singen, käme mir gekünstelt vor.

Eigentlich ja sehr nachvollziehbar und -wie ich finde- auch sympathisch. Leider führt das aber ja offensichtlich dazu, dass viele Leute Euch gar keine Chance geben und gleich mit "Hamburger Schule" und "Oh Gott, die nehmen sich aber wichtig" um die Ecke kommen. Dabei sind Eure Texte doch meistens eigentlich recht klar.

Findest du? Ich habe mich eigentlich bemüht, die abstrakt zu halten, damit jeder noch die Möglichkeit hat, selber etwas reinzuinterpretieren.

Im Grunde meinte ich wohl genau das. Wenn man mehr als einen halben Song von Euch gehört hat, kann man sich halt ganz gut seine eigenen Gedanken dazu machen und muss nicht in Sack und Asche gehen, weil man offenbar seine eigene Sprache nicht mehr versteht. Bei englischen Texten kann man das ja immer ganz gut auf die Fremdsprache schieben.

Ich kann mir schon vorstellen, dass das Problem an deutschen Texten generell die unmittelbare Verständlichkeit ist, mit der womöglich eine Art Zwang einhergeht, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen. Aber es liegt mir fern, mir anzumaßen, den Kritikern meiner Texte zu unterstellen, dass sie englische Texte nicht verstehen und deshalb den Input von englischsprachiger Musik leichter verkraften. Wer die Texte nicht mag, der hat bestimmt gute Gründe dafür.
Ich glaube das Ding ist, dass wir überhaupt nicht daran interessiert sind, bei allen Menschen eine Chance zu haben. Wir machen weder Musik noch Texte, bei denen sich möglichst viele Leute wohlfühlen sollen. Ich persönlich bin froh, dass holon : hiberno raus ist - raus aus mir, raus aus uns. Das Album ist nicht nur womöglich als Hörer eine Herausforderung, sondern es war auch eine für uns. Ich bin froh, dass wir uns dieser gestellt haben. Ich glaube, das hat mich im Leben eine Ecke weiter gebracht. Dass es nun ein paar Leute gibt, die sich das Album beschaffen und auf Konzerte kommen, ist ganz sicher eins der schönsten Dinge, die ich mir vorstellen kann, aber nicht der Grund, warum wir dieses Album aufgenommen haben.

Im Info Eures Labels wird auch eine gemeinsame Vorliebe für E-Musik genannt. Viele Leute setzen diesen Begriff ja mit Klassik gleich, was per definitionem eigentlich nicht stimmt. Wofür steht "E-Musik" denn bei Euch?

Der Begriff "Klassik" ist so missverständlich, weil er auch die Epoche zwischen Barock und Romantik bezeichnet. Wir haben nach einem Begriff gesucht, der all die Musik zusammenfasst, mit der ich mich in meinem Studium befasst habe bzw. befasse. Musik, die in keinem jugendkulturellem Zusammenhang aufgeführt wird; in der Interpret und Komponist nicht dieselbe Person sind und der man auf Konzerten nur zuhört. Das kann nun Musik von Bach oder Britten sein, zwischen denen ja nun einige Jahrhunderte liegen.
Wie du schon gesagt hast, haben wir den Begriff "E-Musik" in einem Infotext benutzt. Wir brauchten ein Schlagwort, das diesen weiten Bogen spannt. Die Unterteilung in E- und U-Musik ist -finde ich- eigentlich überhaupt nicht glücklich, da die Grenzen dort nun mal fließend sind. Ich würde mir wünschen, dass unsere Musik genau für diese fließende Grenze ein gutes Beispiel ist.

Wie kriegt man es auf Eurem Level eigentlich hin, einen Chor, ein Streich- und ein Bläserensemble zu engagieren und nicht auf VST-Plugins und/oder Samples zurückgreifen zu müssen?

Wir haben hier gleich eine Musikhochschule um die Ecke, an der Ilja studiert und Philipps Freundin und ich studiert haben. Im Grunde sind alle mitwirkenden Musiker Freunde oder Bekannte von uns, die sich netterweise für uns die Zeit genommen haben, das einzuspielen; "engagiert" ist daher vielleicht nicht ganz treffend. Wir haben die eher überzeugt und mit Essen bestochen. Wir haben kurz vor den Album-Aufnahmen noch mal die Streicher und Bläser für Laxamentum bzw. Arcanum aufgenommen. Das ging um 8 Uhr los. Da bin ich 3 Stunden vorher aufgestanden und habe Schnittchen geschmiert. Der Chor hat immer Kekse bekommen. Genau und nur deshalb sind wir übrigens auch eine DIY-Band.

Offenbar habt Ihr bei holon : hiberno auch die technische Seite nicht aus der Hand gegeben, Du hast sogar das Mastering übernommen. Seid Ihr mit dem Ergebnis zufrieden?

Das schöne am Überwälder Klangdressur [Anm. d. Red.: das Studio, in dem das Album aufgenommen und abgemischt wurde] war, dass wir dort freie Hand hatten, ich 18 Stunden am Tag arbeiten konnte und dadurch natürlich auch vieles gelernt habe. Man darf aber die Arbeit von Jens Siefert nicht unterschätzen. Er hat viel Vorarbeit geleistet und sich immer dann eingebracht, wenn er das Gefühl hatte, dass ich auf dem Holzweg war. Außerdem hatte er eine großartige Idee, was den Grundmix betrifft.

Wollt Ihr auch in Zukunft weiterhin möglichst alles alleine machen, oder meint Ihr, dass ein Außenstehender Euch eher weiterbringen könnte?

Ich möchte mich unbedingt wieder in die Produktion der nächsten Platte mit einbringen. Ob so stark wie beim letzten Mal und ob wir vielleicht wo anders hingehen, lässt sich noch nicht sagen. Angebote und Überlegungen diesbezüglich gibt es. Aber so etwas zu entscheiden, dauert bei uns ohnehin immer etwas länger.

Aufgrund der aufwändigen Produktion klingt holon : hiberno nach einem wahren Mammutwerk. Was kann danach eigentlich noch kommen?

(lacht) Wir arbeiten gerade an einer CD, die nach dem Abspielen implodiert und aus dem CD-Player springt. [Anm. d. Red.: Dieser Vorschlag stammt aus einer Rezension des Albums]. Mit der Musik, die da drauf sein soll, haben wir uns allerdings noch nicht befasst.
In Wahrheit gibt es aber tatsächlich eine Art Masterplan. Denn ein Holon ist zwar ein in sich beschlossenes Ganzes, was aber wiederum auch Teil eines größeren Ganzen ist.

Hm, jetzt wird's ja doch noch kryptisch... Was kommt denn jetzt kurzfristig? Ihr seid ja gerade von einer kleinen Tour zurück. Wie war es und wie geht's weiter?

Die Tour war klasse! Wir hatten extrem viel Glück: die Shows waren für unsere Verhältnisse - bis auf zwei Ausnahmen - sehr gut besucht, wir sind einige Alben losgeworden und konnten schon einen Teil der Produktionskosten decken. Was aber am wichtigsten ist: Wir haben viele tolle Leute getroffen, die zum Teil für uns die Konzerte veranstaltet haben, die für uns gekocht haben, bei denen wir übernachten durften oder von denen wir Feedback zur Mucke bekommen haben. Wir hatten einen Riesenspaß.
Naja, nächste Woche fängt das Semester wieder an, und wir drei müssen alle ran! Im April/ Mai spielen wir deshalb nur höchstens einmal pro Woche, Ende Mai folgt noch eine kleine Tour. Für die zweite Hälfte des Jahres ist Studieren und Albumschreiben angesagt. Ende November wollen wir dann wieder eine kleine Tour machen. Wann wir das neue Material aufnehmen, können wir aber noch nicht sagen. Irgendwann im nächsten Jahr.

Wir sind gespannt. Vielen Dank für das Interview!



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