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Festivalberichte

Dockville Festival 2009
14.08.2009 - 16.08.2009,Hamburg, Elbinsel

Von Haiko Nahm






Ein Blick aufs Line Up hatte gereicht, um sich im Vorfeld darüber klar zu sein, dass beim Dockville 2009 alles etwas anders werden könnte. Große, internationale Namen wie MGMT oder Turbonegro, die in der Regel viele Leute ziehen. Vor allem mit der im Business ja üblichen "einziges Konzert in Deutschland" Bonus Karte, hier für die Neo-Hippies aus den Staaten. Und so kam was kommen musste, es wurde richtig, richtig voll. Das muss nicht, wie viele das in ihrer Verbohrtheit gerne sehen würden, automatisch etwas schlechtes sein. Alles eine Frage der Organisation. Und während es am Freitag noch so aussah, als würde alles glatt verlaufen, wurde der MGMT-Samstag (incl. Der inzwischen ja auch zu Publikumsmagneten avancierten The Whitest Boy Alive) in seinem Verlauf zu einer leichten Katastrophe. Vom Headliner selbst zunächst mal abgesehen. Was man in den Wochen danach jedenfalls von seinen anwesenden Freunden erzählt bekommen hat ist nicht übertrieben, völlig überfordertes Bierstandpersonal, Wartezeiten von bis zu einer Stunde, ebenso lang an den Essenständen, ständige Stromausfälle an den Buden (und Bühnen) - hier hat sich jemand deutlich verspekuliert. Tragbar ist es jedenfalls nicht, sowas einem Puplikum anzubieten, dem man am Einlass gar Wasserflaschen abknüpft (wobei sich selbst die Security blöd vorkam). Das sich die Situation am Sonntag wieder entspannte war dann nur noch eine Folge von fernbleibenden Tagesgästen, sicher nicht wenige genervt vom Samstagabend. Was dann wieder schade war, den auch hier gab es noch ein paar Highlights zu beobachten. Wie man derartiges nun in Zukunft vermeiden kann, ist nicht meine Aufgabe zu beurteilen, der Veranstalter wird schon wissen, was zu tun ist. Denn es ist wirklich jammerschade, dass dieses organisatorische Versagen so einen dunklen Schatten über so viel auch in diesem Jahr tolles legt. Das Gelände an sich war wieder ein Traum, liebevoll gestaltet, vom Smallville und schönen Holzzelten hin zu den großartigen Kunstinstallationen - Highlight sicher die Elektrowippe, und das Musik produzierende Holzkonstrukt, was aber einige dann doch kaputt zu kriegen wussten. Gut, dieser große, hässliche Zigaretten Dom hätte dann nicht sein müssen, aber ohne Sponsoring bekommt man auch keine MGMT für (zumindest für Frühkaufer) wirklich günstige Tickets. Wobei die sich erst mal wieder einen guten Ruf erspielen müssen, aber dazu später mehr.


Freitag

Es hat schon was, von zuhause mit der S-Bahn direkt zu einem Open Air Festival zu fahren. Während andere Menschen grade von der Arbeit nach Hause fahren. Es hat aber so ganz und gar nix, zu wenig Shuttle Busse anzubieten. So musste dann für viele ab dem Bahnhof Wilhelmsburg ein Taxi her. Das prall gefüllt lustiger Weise billiger als der Bus war. Mustafa (Name aufgrund verlorener Erinnerung gelogen) hatte jedenfalls seine Freude und verdiente sich wie viele seiner Kollegen Mittels hin und her gondolieren eine goldene Nase. Vor Ort das traditionelle Bändchen Spiel, und ab aufs Gelände, schnell ein Bier (noch ging das schnell) und schon spielten Turbostaat auf der großen Bühne. Flensburg finest. Hat in Hamburg natürlich jeder schon mal irgendwo gesehen, ob nun im Club oder auf dem Volksfest. Aber es ist ja immer wieder ein Fest. Ihr einmalige Mischung aus Punk und Hamburger Schule (oder auch: Hamburger Schule mit mehr Punk als sonst, und besseren Texten) mit Hits wie haubentaucherwelpen brachten das noch etwas müde (wovon eigentlich? Noch von der Arbeit??) Puplikum zumindest im Ansatz in Schwung, und zum Ende hin war da vorne auch endlich mal gut was los. Husum, verdammt. Aber jetzt mal schnell noch ein Drink, etwas Kunst anschauen, und an zur Dorfbühne. Denn da sollte nun mit Health das neue, famose Krachinferno aus den Staaten loslegen. Hipster Krachinferno, muss man ja schon sagen. Es ist aber auch schön, was die vier Jungs aus San Fransisco da zwischen Krach, Elektro, Indie und Dance da veranstalten. Zwischen wilden Schlagzeugeruptionen, harschem Noise, durchdrehendem Bass und lässigen Disco Momenten kämpft sich ein zartes Stimmchen in die Hamburger Sommerluft. Das Puplikum zwischen Flucht und Faszination. Das sind halt nicht die lieben Indie Jungs aus dem grünen Jäger. Hier werden Grenzen ausgelotet. Und Health schaffen es dabei so stylisch wie wenige andere Krachbands rüber zu kommen. Ihre plötzliche Akzeptanz in gewissen Kreisen könnte wohl auch daher rühren. Tageshighlight.
Auf den Auftritt von Patrick Wolf dufte man gespannt sein, hat sich der gute doch einen Tag vorher einen äußerst peinlichen Ausraster bei einer Show in Köln erlaubt. Der Gute ist aber auch durch und durch das was man landläufig als tuckig bezeichnet. Wie ein Gockel stolziert er in seinem schrägen Glamour-Outfit über die Bühne. Das ist jetzt nicht als Kritik zu verstehen, denn erstens ist hier keiner Homophob und zweitens passt es eben auch zu seiner Musik. Meinen Geschmacksnerv trifft das nun leider nicht, zu viel Schmalz, zu viel Drama, zu viel glatte Opulenz. Aber Fans hat der Gute, und die feierten. Und da niemand das Licht ausmachte, blieb das Equipment auch von plötzlichen Wutausbrüchen der Diva verschont.
Schön am Dockville 2009 sicherlich die Abwechslung. Grade noch Elektro-Pop mit Herrn Wolf, dann HipHop mit Blumentopf (wie immer solide an der Grenze zwischen peinlich und kann man machen unterwegs), und plötzlich stehen von tobender Menge Turbonegro auf der Bühne. Da hat der Veranstalter aber auch einen Trumpf ausgespielt, denn die sind in Hamburg eine sichere Bank, und die Tourbojugend Pinneberg und weiteres Umland dürfte dann auch den Tageskartenverkauf gut angekurbelt haben. Den Bekloppten aus Norwegen kann man aber sicher nix vorwerfen, denn so oft sie auch spielen, vor allem in Hamburg, sie geben immer alles, und es ist immer großes Kino. Egal wie man es anstellt. Denn selbst wenn man nun nicht leicht oder auch weniger leicht angeheitert da die alten Gassenhauer abfeiern möchte (was sehr viele taten), ist es doch auch immer wieder großes Comedy was der fette Hank da so treibt. Sein Deutsch wird zwar immer besser, aber er haut da immer Sachen raus - man liegt am Boden. Da brauch es keine Arschrakete. Turbonegro Must Be Destroyed (Not).
Da meiner einer und Entourage zu blöde war das Elektro-Party Gebiet zu finden, wurde das Dockville Nachtprogram dann auf den Samstag verschoben. Schön blöd jedenfalls wer im kleinen Zelt steht, sich in der Dance Hall wähnt, und sich ärgert das hier ja nix mehr richtig ab geht. Hust.

Samstag

Der Katastrophen-Samstag. Ausverkauft war er, als einziger der drei Tage. Das war aber unterm Strich für fast alle Beteiligten keine gute Sache. Dabei ging es relativ gut los. Nachmittags noch eine entspannte Lage, auch wenn hier schon wilde Timetable-Verschiebungen für Verwirrung sorgten. Gut auch dass diese dann genauso wie verschobene Spielorte nirgends offiziell angekündigt wurden. Da freut sich natürlich der gestresste Stagemanager, wenn er ständig gefragt wird. Aber selbst schuld. Man hatte jedenfalls wieder ein bischen das Gefühl die machen das hier zum ersten Mal.
Hatte man es dann erstmal zur richtigen Zeit zum richtigen Ort geschafft, durfte man sich von einem grandiosen Konzert der Crystal Antlers versöhnen lassen. Der Ruf einer guten Liveband eilt ihnen ja bereits voraus, und auch hier wurde nix stehen gelassen. Wild, laut und mit viel Soul. Sänger Johnny Bell ist ein Phänomen, genau wie auf Platte geht dieser krächsige, leicht überdrehte Soulgesang durch Mark und Bein. Die Band an sich geht Nuts. Besonders dieser Damian mit seinen Trömmelchen, wildes Outfit und herrliches Gepose. Damit erspielte er sich noch eine zweite Show, aber dazu später mehr. Selten lagen Punk und Soul so nahe, und mit Parting Song For The Torn Sky gab es auch ausufernde psychedelische Ekstase. Eventuell das Festivalhighlight.
Mit Spectrum bewiesen die Veranstalter Mut und Geschmack. Die post-Spacemen 3 Band um Jason Pierce (der interessanterweise grade das zweite MGMT Album produziert) ist sicher nix für jedermann, und das junge, hippe Indie Folk lässt sich mit endlos repitiven Psychedelic Krach wohl eher nur verscheuchen. Aber es waren ja auch ein paar ältere Semester zugegen, und die bekamen wieder mal die volle Dröhnung vom Meister geboten. Besonderes Schauspiel auch diese obercoole Sau von Drummer, wie lässig kann man bitte zwei winzige Marachas rasseln? Pierce hingegen lässt sich mit obligatorischer Kippe im Mundwinkel auch von reißenden Gitarrenseiten nicht aus der Ruhe bringen.
So langsam wurde es vor der Hauptbühne richtig voll. Auf der Bühne zunächst mit geistigem Schwachsinn. Reggae Bands tun sich in diesem Bereich ja gerne mal mit platten Plattheiten bis dämlich homophoben Rastafari-Getümmel hervor. I Fire gehören zwar wohl nicht zu letzteren Vertretern, aber was da von der Bühne kam lässt Jan Delay Texte wie tiefgeistige Lyrik erscheinen (und das will was heißen). Ich tu doch keinem weh, Ich tu doch keinem weh. Gut, körperlich ev. nicht.
Die Situation an den Getränke- sowie Fressbuden nahm inzwischen die Eingangs besprochene Zustände an. Es machte nicht mehr wirklich Spass. Man hatte schon gar keinen Bock mehr, sich etwas zu trinken zu holen. Das Personal wirkte als hätte es bisher nur auf privaten Gartenfeiern gearbeitet. Der Pöbel ließ nicht lange auf sich warten, und man erwischte sich gar, für die eine oder andere rummotzende Holzbirne Verständnis zu entwickeln. Soweit muss es doch nicht kommen. Aber zurück zur Musik. The Whitest Boy Alive sind derzeit gross im Kommen, begeistern das junge Volk schon den ganzen Sommer auf Europas Festivalbühnen. Im Grunde passiert aber eigentlich nicht viel. Soulpop, wie man ihn grade von weißen Jungs in ihrer stoischen Laschheit schon länger gewohnt ist, mit einer dicken Prise Elektropop. Leichte Unterhaltung sozusagen, schon zum Mitwippen und Tanzen. Diesem Zweck werden die Berliner um Kings Of Conveniences Erlend Øye auch gerecht, viel Substanz steckt dahinter jedoch nicht. Das alte Thema der zweckorientierten Musik, die schnell zum Thema der beliebigen Austauschbarkeit führt.
Und dann der Grund für den ganzen Aufruhr. MGMT sind der heiße Scheiss, und das dank eines einzelnen Clubhits, der nicht mal sonderlich repräsentativ für das restliche Material des eigentlichen Duos ist, und in ihrer Live-Show auch schon immer eher wie eine nicht ganz ernst gemeinte Zugabe wirkt. Das Mädchen (und teilweise auch Jungs) in letzter Zeit wieder mit Hippiebändchen im Haar durch die Gassen tänzeln, hat man ihnen auch zu verdanken. Ich muss jedoch zugeben, dass die Band mir auf ihrer letzten Clubtour durchaus gefallen hat, denn auf der Bühne mutierten sie zu einer gerne auch mal richtig rockenden Hippieband zwischen Glam und Psychedelic. Das war für ihren exklusiven Deutschlandauftritt beim Dockville wohl genauso geplant, aber daraus wurde nix. MGMT waren als Headliner eine ärgerliche Frechheit. Völlig lahm und lustlos plätscherten sie ihr Debütalbum runter, und die anfängliche Euphorie schien auch im Puplikum immer mehr abzunehmen (was natürlich auch an der Unmöglichkeit, sich Getränke zu organisieren liegen konnte), vom jungen Volk in den ersten Reihen mal abgesehen. Vielleicht konnten die aber auch einfach nur nicht weg. Selbst der anfänglich noch auf der Bühne zugegene Trommelhase der Crystal Antlers konnte keinen Elan in die Truppe pumpen, die scheinbar schon sehr früh in ihrer Karriere die gelangweilte Rockstarnummer durchziehen. Das dann zu Kids am Ende (wie immer Vollplayback) auch Kids auf die Bühne kamen und ein bischen rumhüpfen durften, war sicher eine für diese schöne Nummer, machte aber aus einem richtig schlechten Auftritt auch nix besonderes mehr. Der ganze Samstagstress hatte sich am Ende also sogar nicht mal im Ansatz gelohnt, MGMT hätte man sich auch sparen können.
Zum Glück ging es dann noch in der Dancehall weiter. Diesmal auch gefunden, und rechtzeitig zu Deichkinds DJ Phono eingetroffen, der mit einem Kollegen im kleinen Rahmen eine Wahnsinns Daft Punk Show hinlegte, die bis in kleinste Detail akribisch ausgearbeitet schien - schaut man sich die alten Festivalauftritte der Französischen Electro/House Pioniere an war das an diesen Abend Quasi das gleiche in kleinerem Maßstab. Highlight sicher die an den zugehörigen Videoclip angelehnten Kostüme der Choreographien zu Around The World, die um die beiden im Kreis tänzelten, und zum Ende als krönender Abschluss der eine und einzige Stardust Hit. War ja auch immerhin zu 1/3 Daft Punk. Auf die hatte man nach diesem Abend jedenfalls mal wieder richtig Bock.

Sonntag

Das hat schon was. Immer noch. Es ist Sonntag, zwei Tage Festival im Rücken, schön Zuhause ausschlafen, und dann wieder mit den Öffentlichen an die Bühne. Das Festival entspannte sich, der Samstag offensichtlich gut gefüllt mit Tageskarten. Und wie kann man sich besser entspannen als mit William Fitzsimmons? Der symphatische Singer/Songwriter aus Atlanta ist schon eine Nummer für sich, ein angenehmer Kauz. "We gonna rock the shit out of you" kündigte er sich nebst Partner an zweiter Akustikgitarre an. Unaufdringlich witzige Ansagen begleiteten ein wundervolles Konzert eines der emotional bewegensten Liedermacher dort draußen, die angenehme Melancholie passte auch an einem warmen Sonntagnachmittag hervorragend. Ein Ausnahmekünstler, dessen bald folgende Herbstkonzerte man auf keinen Fall verpassen sollte.
Auch sonst blieb es entspannt an diesem Tag. Die Highlights spärlich, aber gut gewählt. Dan Le Sac vs. Scroobius Pip. Herrlich britischer Elektro Hip Hop mit hohen Unterhaltungswert. Dan Le Sac lässt die Beats knallen, und Scroobius Pip zeiht seine gesten - und kostümreiche Show ab. Da darf natürlich auch der obligatorische Hit Thou Shalt Always Kill nicht fehlen. Symphatisch auch, dass die beiden zu später Stunde noch ein Zusatzkonzert im Golden Pudel Club hinlegten, der einen grandiosen Schlussstrich unter das Wochenende setzen sollte. Und die neuen Stücke machten Lust auf das Anfang 2010 erscheinende neue Album.
Und dann noch die Black Lips. Shows dieser vier Rabauken sind immer ein Highlight. Selbstverständlich schon fortgeschritten angeheitert rockten die Burschen noch mal alles aus dem Dockville raus was es zu holen gab, auch wenn der eine oder andere wohl nur auf Bad Kids gewartet hatte. Das Klopapier flog auch in rohen Mengen. Und hier ist ein Bottleneck noch ein echter Bottleneck. Ein amtlicher Schlussstrich (Kettcar waren auch noch da) unter ein trotz diverser Schwierigkeiten gelungenem Festival, bleibt zu hoffen dass aus den Fehlern gelernt wird. Da gehen wir aber mal stark von aus.



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