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Zwei Premieren für mich. Erstes Mal Columbiahalle Berlin, erstes Mal Sonic Youth. Während letzteres für ein abfälliges Lächeln im sonst ereignisarmen Leben eines in die Jahre gekommenen Hornbrillennerds sorgen könnte, führte ersteres beinahe zum unfreiwilligen Besuch eines Cannibal Corpse Konzertes. Wer packt auch direkt neben seine Halle eine etwas kleinere mit dem Namen Columbia. Nein, Cannibal Corpse hat man in jungen Jahren oft genug gesehen, und brauchen tut das immer gleiche Geholze eh keiner mehr. Die echte Columbiahalle war zum Glück nicht weit, und schon konnte es unter vielen in die Jahre gekommener Hornbrillennerds los gehen - die Vorband wurde sportlich verpasst. Auf der Bühne also in die Jahre gekommene Sonic Youth, vor der Bühne, zumindest direkt, dann auch ein ganzer Haufen Jungvolk. Und das ist das Phänomen, das Sonic Youth grade heute eben sind, ganz ab davon, unheimlich wichtig für unheimlich viele Musik von heute gewesen zu sein: Als Band sind sie alles andere als in die Jahre gekommen.

Was für eine Show. Graue Haare, Falten im Gesicht, aber eine Frische, als wäre Sister erst gestern erschienen. So sehen also Musiker über 50 ohne wilde Drogen-Vergangenheit aus. Thurston Moore ist kein Freund großer Worte, Kim Gordon ebenso wenig, aber diese zwei strahlen auf der Bühne eine unvergleichliche Aura aus. Hinzu kommt die fleischgewordene Würde in Person von Lee, und mit Steve Shelley ein Schlagzeuger, über den eigentlich viel zu selten Folgendes gesagt wird: Er ist ein verdammt guter Schlagzeuger. Seit The Eternal neu mit dabei bekanntlich Pavement Bassist Mark Ibold. Kim spielt bei den Eternal Nummern inzwischen Gitarre, und oh boy, machte das Freude, wenn sie dann in den unvermeidlichen Krachorgien zwischendrin zu dritt am schrammeln waren. Die Setlist selber war ein Traum, und zugleich ein Zeugnis der Größe dieser Band. Welche Band mit einem derartigen Backkatalog an Klassikern kann es sich erlauben, mal eben nahezu das komplette neue Album zu spielen, nebst ein paar Klassikern? Normal läuft sowas ja eher andersrum ab. Nicht aber Sonic Youth, denn die haben, das wurde mir an diesem Abend plötzlich nochmal so richtig klar, zuletzt eines ihrer besten Alben überhaupt abgeliefert, und das jenseits der 50. Der Flow von Malibu Gas Station, das wilde Anti-Orgasm, das unfassbare Massage The History, der Hit What Whe Know - was für eine unerreicht gute Performance. Erstaunlich dann, wie konsequent beim alten Material die wohl kommerziell erfolgreichsten Alben Goo und Dirty außen vor bleiben müssen, was in Anbetracht solcher Großtaten wie Disappearer natürlich schade ist, aber man der Band nicht vorwerfen kann, und im Endeffekt nicht wirklich stört. Hängt denen sicher selber schon zu den Ohren raus. Stereo Sanctity, Tom Violence, Silver Rocket, das unfassbar intensiv gespielte Cross The Breeze, und am Ende gar Death Valley '69 - Nostalgiker hatten auch so genug Grund zur Freude.
Auch wenn der guten Thurston sich dann doch einmal etwas ungeschickt auf seinen Hintern setzte - diese Band ist jung geblieben, und wer die teils frenetischen Reaktionen der jungen Leute vor der Bühne beobachten konnte (auch bei den neuen Stücken), dürfte nicht wenig erstaunt sein, was diese Band immer noch zu bewegen weiß. Da vergisst man nebenbei fast zu erwähnen, dass auch die Bühnenkonstruktion und die Licht-Show etwas ganz, ganz feines war. Nirgendwo liegt Schönheit und purer, klirrender Krach so wohlig beieinander wie bei dieser Band.
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