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Farflung
30.04.2009, Berlin, Red Rooster

Von Rebecca Enzinger

Es ist ein bisschen wie beim ersten Date. Erinnert ihr euch? Herzklopfen, vor Aufregung feuchte Hände, die man selbstvergessen im Sekundentakt an der Hose trockenreibt? Lässt man die Pubertät irgendwann hinter sich hat man dieses Gefühl seltener und seltener. Um Missverständnissen vorzubeugen: wieder 16 bin ich höchstens in meinen Alpträumen, aber dieses Gefühl vermisse ich manchmal.

Heute Abend ist es wieder da. Der Grund sind fünf charmante Herren aus Los Angeles, die sich unter dem Namen Farflung zusammengefunden haben, um den Erdlingen andere Planeten näher zu bringen. Im wörtlichen Sinne. Hier ist eine Band, die einem die Sterne vom Himmel ins Wohnzimmer holt. Und manchmal hätte ich wirklich gerne einen Bart. Nicht, um den Geist der 60iger, 70iger Jahre zu zelebrieren, der einen hier umweht, sondern weil es kalt ist, da draußen im All. Und gefährlich. Farflung spielen Spacerock der etwas düsteren Variante.
(Für alle Schubladenfetischisten: Frühe Monster Magnet treffen auf Hawkwind, Pink Floyd schneien auf ein Bier vorbei, alle verstehen sich wunderbar. In anarchistischer Manier wird mit Doom, Sludge und einer Menge Psychadelika herumexperimentiert bevor man das Ganze ein paar Lichtjahre in die Zukunft beamt.)
Kosmische Turbulenzen oder eine Horde marodierender Aliens müssen denn auch der Grund für die Verspätung der Band gewesen sein. Eine geschlagene Stunde stehe ich vor dem Red Rooster und fühle mich: irgendwie versetzt.
Als es endlich losgeht, ist die Warterei aber sofort vergessen. Die kleine Bühne im Rooster ist ein wenig zu eng für fünf Leute und das Arsenal an Technik, weswegen Gitarrist Paul es sich zwischen dem Publikum bequem gemacht hat. Tommy Grenas, Head-Flung und Sänger der eigentlich dreiköpfigen Band hat sich hinter einem Turm aus Effektgeräten verschanzt und da ich mehr oder weniger direkt vor der Bühne stehe, kucke ich zunächst ein wenig beim Knöpfchendrehen zu. Der Sound ist beschissen: die Vocals sind zu leise, der Synthesizer braucht mehr Saft, der Bass mehr Druck und das alles könnte mir egaler nicht sein. Ich bin hier, alles ist an seinem Platz, genau wie es sein soll.
Der erste Höhepunkt kommt gleich mit dem zweiten Song: Endless Drifting Wreckvom letzten Album A Wound In Eternity. Ich verfalle in eine Art *tilt* Modus und zusammen mit ein paar Gleichgesinnten wird geschüttelt, was geschüttelt werden kann. Insgesamt gibt es viel Neues zu hören und ich vermisse ein bisschen IX. Dieser unheimlich - apokalyptische Song wäre Live bestimmt ein Erlebnis geworden. Zur Entschädigung gibt es zum Abschluss Landing On Cydonia, nach Tommy's Aussage "ewig nicht mehr gespielt". Versöhnungsangebot akzeptiert.
Die Realität holt mich viel zu schnell wieder ein und ruft "Lohnarbeit! Lohnarbeit!" Durch die Verzögerung des ganzen Events war mir schon bewusst, dass ich die zweite Band, die ebenfalls geschätzten White Hills, nicht mehr mitnehmen würde können, aber weh tut's trotzdem. Auf dem Weg nach draußen komme ich nicht umhin mir A Wound In Eternity auf Vinyl zuzulegen. Graumeliert. Sehr hübsch. Sehr limitiert. Ha. Und der Platte ist es wohl auch zu verdanken, dass ich draußen noch ein kurzes Schwätzchen mit Paul halte, der mir aufgekratzt ein wenig vom Tour-Marathon erzählt. Zehn Gigs an zehn aufeinanderfolgenden Abenden in zehn verschiedenen Städten. Das bestärkt mich nur darin, dass das private Raumschiff hier irgendwo geparkt sein muss. Ich habe keine Zeit mehr, das herauszufinden. Mitternacht rückt näher, ich muss zur Arbeit. Wer immer gesagt hat, "man soll gehen, wenn es am schönsten ist" ist ein Idiot und ich könnte ihn...!



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