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Ein bisschen seltsam bin ich vermutlich schon: da hat man in Berlin fast täglich Konzerthighlights vor der Haustür, die man mal eben links liegen lässt, und für Blackmail, eine Band, die ich schon sieben Mal gesehen habe, fahre ich extra nach Potsdam raus. Vermutlich waren Blackmail der Meinung, dank des Theaterexperiments mit John Bock im letzten Jahr genug in der Hauptstadt gespielt zu haben, deswegen machten sie auf der Nachholtour nur in Brandenburg Station. Nun ja, die Laune und Bock auf Rocken war einfach da, und Blackmail halten ihre Ticketpreise weiterhin sozialverträglich - also, ab in den Regionalexpress. Im langen und engen Konzertraum des Waschhauses hatten bei Ankunft schon die Finsterwalder Earthbend pünktlich wie die Feuerwehr mit ihrem Set begonnen. Mit der Blackmail-Besetzung sind die Drei nun eh gut vertraut, schließlich saß Blackmail-Gitarrist Kurt als Produzent ihres bald erscheinenden Debütalbums "Young Man Afraid" hinter den Reglern. Da war der Toursupport eine naheliegende Sache, immerhin ergibt ja auch der Sound der beiden Bands eine stimmige Mischung. Korrekt gekleidet und korrekt rockend brachte das Trio, gelegentlich verstärkt mit einer schönen Schweinerockorgel, ihren stark 70's-gefärbten Kraftrock unter das wohlwollende Volk. Auf das Album kann man durchaus mal ein Ohr werfen, vorab etwa hier.
Blackmail starteten ihr Set im Nebel, durch den zuerst nur Kurts Zigarrenspitze durchglimmte. "Carmine", welche ein etwas undankbares B-Seitendasein zum Schicksal hat, eröffnete den Reigen, dann ging es schon mit "Avon" schön los. Mehr als ein paar Songs brauchte es nicht, um die heftig abgehende Meute zum Toben zu bringen. "Moonpigs", "Same Sane", "Ken I Die", "Everyone Safe" - Blackmail ballerten im Mittelteil des Sets die Hits hinaus, als hätten sie noch eine Wagenladung davon hinter der Bühne. Genau das ist nach fünf teils guten, teils grandiosen Alben auch der Fall. Gerade daran, wie super das letzte Werk "Aerial View" ausgefallen ist, daran wurde man immer wieder erinnert. Der Übersong "Soulblind" kann live nicht ganz so vielschichtig rübergebracht werden wie auf Konserve, dafür gewannen die Stücke ganz kräftig an Druck. Nicht nur auf der Bühne, sondern auch davor war man bestens aufgelegt. "Ihr seid Balsam für unsere Seelen" lobte ein fast gerührter Aydo Abay die dankbare Fanschar, "neben Leipzig seid Ihr das beste Publikum, das wir in diesem Jahr hatten! Das wird heute noch richtig gut werden, da bin ich mir sicher!" Das heizte die Stimmung natürlich nur weiter an. Zum Abschluss des Hauptteils kam dann endlich mit "Dental Research '72" noch Blackmails heimliches Jahrhundertalbum "Science Fiction" zu Ehren, Drummer Mario Matthias trieb sein Delay-Spielchen noch länger als sonst. Was aber nicht langweilte, sondern schlichtweg begeisterte.
Zugabe? Ehrensache.
Mit "Couldn't Care Less" gabs noch ein weiteres umjubeltes Albumhighlight von "Aerial View", es folgte "Amelia", bevor Blackmail mit dem epischen "Friend" sich und das Publikum fast besinnungslos jammten. Bombastisch laut und bombastisch gut.
Wenn Aydo im Interview zu Protokoll gibt, dass Blackmail live jetzt endlich dort sind, wo sie schon vor fünf Jahren hätten sein sollen, dann mag das vielleicht für die Performance der Band gelten, jedoch nicht für die Hallengrößen. Wir verneigen uns:
- Vor Aydo Abay, dem Frontmann, der weder zum Sänger noch zum Entertainer geboren sein mag und diese Position trotzdem perfekt ausfüllt.
- Vor Deutschlands Gitarrengott Kurt Ebelhäuser, der eine einzige Gitarre klingen lassen kann wie drei Doom-Metalbands.
- Vor Bassist Carlos Ebelhäuser, der den Phonterror seines Bruders eine Oktave tiefer mühelos konterkariert. So fett klang ein Bass zuletzt bei Mclusky.
- Vor Mario Mathias, dem Sahnehäubchen auf der crème de la crème deutscher Rockdrummer.
Wir verneigen uns vor Blackmail.
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