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The Weakerthans - John K. Samson - 27.11.2007
Von Menschen die reisen
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Von Heiko Heinzel
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Etwas zu spät aus dem Büro, etwas zu langsam auf den etwas zu vollen Autobahnen und etwas wenig Ortskenntnis in der rheinischen Domstadt. Natürlich bemerkt man erst wenn man schon von oben in den Rhein spucken kann, dass man eigentlich gar nicht über den großen Fluss fahren wollte, im Rückspiegel gleichzeitig noch ungefähr erahnend, wo am zurückliegenden Rheinufer die Location für das abendliche Weakerthans-Konzert gewesen wäre.
Exakt zum geplanten Beginn des Interviews wird der Wagen auf dem Parkplatz des Bürgerhaus Stollwerk geparkt. Immerhin einen Vorteil hat der frühzeitige Interviewtermin noch vor 18.00Uhr. Der kleine Parkplatz direkt vor dem Seiteneingang ist nicht vollständig gefüllt.
Nahezu niemand befindet sich im Foyer des Stollwerks, lediglich ein kleinerer Mann, die Kapuze des Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen, lesender Weise den halb aufgebauten Merchandise-Stand bewachend. Er führt mich auf meine Nachfrage bereitwillig zur angegebenen Kontaktperson. Dort erfahre ich das mir 20 Minuten mit John K. Samson eingeräumt werden, dem kleinen charismatischen Lyriker und Kopf der Band. Der Kapuzenträger bittet an den überdimensionierten Tisch und offenbart seine wahre Identität.
Ich erinnere einleitend an meinen ersten Kontakt mit der Band immer Juni 1999. Auf einem kleinen Umsonst & Draußen-Festival, neben einem alten Atomkraftwerk im emsländischen Lingen begegnen mir die 4 Kanadier zu ersten Mal auf der Bühne. Das Festival ist verregnet, das Publikum jung und betrunken. Im Hintergrund reflektiert der alte Meiler das Mondlicht, wenn es denn einen Weg durch die Wolken findet. Der völlig unstimmige Rahmen meines ersten wirklich fantastischen Weakerthans-Kontakts verankert mir die Band im Hirn.
Erinnerst Du dich an dieses Konzert?
Ja, an das kann ich mich tatsächlich erinnern, dass hat damals wirklich Spaß gemacht. Es ist immer mal wieder ganz nett auch solche ungewöhnlichen und merkwürdigen Konzerte zu spielen.
Für diese Tour ist es heute euer erstes Konzert in Deutschland?
Ja, dass stimmt, aber wir waren vorher schon für ein paar Konzerte in England und den Niederlanden.
Ihr spielt dieses mal eine sehr umfangreiche Deutschlandtour?
Ich weiß gar nicht wie viele Konzerte es diesmal sind, aber du hast recht, in Deutschland spielen wir recht häufig. Hier wollen uns aber auch immer ziemlich viele Leute sehen.
Wo werdet ihr morgen sein?
Ich weiß es garnicht. Auf Tour kann ich gerade noch sagen wo ich gestern gewesen bin. (Er erkundigt sich beim Tourmanager nach den kommenden Terminen) Morgen sind wir in Münster und danach in Bremen.
In Münster spielt ihr aber nicht im Gleis 22 sondern im größeren Skaters Palace?
Ja, ich liebe aber das Gleis, wir haben dort auch schon gespielt. Es ist einer meiner Lieblingsclubs in Deutschland.
Das Gleis ist ein relativ kleiner Klub. Spielst du lieber in den kleineren Läden oder bevorzugst du die etwas Größeren?
Oh, das weiß ich gar nicht genau, manchmal mag ich die kleinen nicht, manchmal schon. Es hängt auch wirklich vom Club ab. Das Gleis ist ein schöner kleiner Club, andere sind nicht so toll. Insgesamt mag ich aber die kleinen Läden und die intimen Shows. Es gibt in Deutschland einige sehr schöne kleine Klubs, wie z.B. den Karlstorbahnhof in Heidelberg. Die größeren Shows sind aber natürlich genauso gut.
Wie häufig wart ihr jetzt schon in Deutschland auf Tour?
Ich glaube es muss jetzt etwa das 10. mal sein.
Eure Musik funktioniert hervorragend auf der Bühne, aber ist es nicht Musik die eher für die Platte geschrieben wurde als für die Live-Performance?
Hm, dass ist eine gute Frage. Ich weiß es gar nicht genau. Ich glaube, ich berücksichtige schon beides. Also wenn ich schreibe, habe ich erst mal die Platte im Hinterkopf, aber ich mag das live spielen sehr, da die Songs auf der Bühne richtig aufleben und wachsen. Eine Live-Show ist der beste Ort um unsere Songs zu performen. Es gibt einem zudem die Möglichkeit, die Songs an jedem Abend neu zu erschaffen.
Ich bin der Meinung das es Künstler gibt, die für die Bühne schreiben und andere, die während des Schreibprozesses in erster Linie eine Platte im Hiterkopf haben?
Ja, aber ich versuche schon beides unter einen Hut zu bringen.
Wie sind die Reaktionen auf euer neues Album?
Ich bin mir da nicht so ganz sicher. Meine Freunde und meine Familie mögen es. Ich vermeide es aber zu lesen, was andere Leute über das Album denken und schreiben. Es läuft eigentlich aber wirklich gut und macht Spaß die neuen Songs live zu spielen.
Das heißt, dass Du keine Plattenkritiken zu "Reunion Tour" liest?
Nein, ich versuche das zu vermeiden. Ich denke, dass es nicht wirklich gesund ist, es zu tun.
Ihr wart nie Weg vom Fenster und musstest euch nie wiedervereinigen, "Reunion Tour" ist deshalb kein "Wiedervereinigungs"-album?
Nein, wir haben uns nie aufgelöst. "Reunion Tour" fanden wir als Albumtitel interessant und lustig. Außerdem passt er zu den Themen der einzelnen Songs. Einige handeln von Wiedervereinigungen. So ist es zudem auch ein sehr passender Albumtitel.
"Reunion Tour" setzt sich aus den Begriffen "Widervereinigung" und "Tour" zusammen. So ist neben"Wiedervereinigung" das Thema "Bewegung" das zweite prägende Thema des Albums?
Ja, das ist ein guter Punkt, "Bewegung" war und ist immer ein Thema meines Schreibprozesses, besonders die Idee zu reisen und immer wieder an einen bestimmten Punkt zurück zu kehren.
Der Ort an den du immer zurück kehren wirst ist deine Heimatstadt?
Ja, Winnipeg ist meine Heimat und insgesamt spielt auch das Thema "Zuhause" eine bedeutende Rolle in meinem Leben.
Glaubst du, dass "Reunion Tour" ein guter Soundtrack zum reisen ist?
*lacht* Ich weiß es nicht, würde es aber wirklich gerne wissen. Es wäre schön wenn die Menschen unsere Musik beim reisen hören würden.
Ihr werdet häufig zu eurer Heimatstadt befragt. Warum glaubst Du, dass es die Leute interessiert, wo und wie ihr lebt?
Ich glaube die Leute vergleichen unsere Heimat mit Ihrer eigenen Stadt und den Orten die sie kennen. Ob sie aus einer Groß- oder Kleinstadt kommen, wie sie Leben und schließlich stellen sich viele Menschen die Frage, wo sie hingehören und wo ihre Heimat ist. Das ist eine Frage die ich mir auch stelle und ein Grund, warum ich mich viel mit meiner eigenen Heimat beschäftige. Einige Hörer beziehen sich vielleicht auf die Gedanken die ich in meinen Songs zu diesem Thema ausdrücke.
Auch wenn du immer wieder zurück nach Winnipeg kommst, verbindet dich eine Hass-Liebe mit deiner Stadt?
Also wenn du dir den Song ansiehst auf den Du ansprichst (Anmerkung: "I hate Winnipeg"), wirst du merken, dass niemals ich es war der gesagt hat: "Ich hasse Winnipeg". Es sind drei verschiedene Charaktere die dieses von sich behaupten. Ich selbst liebe Winnipeg.
Interessieren dich die Städte die ihr während eurer Tour besucht?
Natürlich und auch diese Orte lassen mich immer wieder darüber nachdenken, wo ich herkomme und wo ich hingehöre. Das ist auch eine sehr schöner Aspekt am Reisen.
Camillo Sitte war einem bedeutenden Stadtplaner der Industrialisierung, der Städte immer auf die gleiche Weise bereist hat. Er kam am Bahnhof an und die Pracht der Gebäude vermittelte Ihm einen Eindruck über den Reichtum einer Stadt. Dann fuhr er mit einer Droschke oder einem Taxi auf den größten Platz der Stadt. Auch dieser vermittelt einen guten Eindruck von der finanziellen Ausstattung des kommunalen Haushalts. Es folgte eine Besteigung des höchsten Turmes um einen Eindruck über die Struktur der Stadt zu bekommen. Danach wurde noch eine Bücherei besucht um den Intellekt und die Interessen der Bewohner besser einschätzen zu können.
Das Bereisen der Städte war für Sitte ein festgelegtes Ritual. Kann man diese Form des Reisen mit dem Touren vergleichen?
Auf eine bestimmte Art und Weise, ja. Allerdings habe ich in einer Stadt immer nur etwa 6 Stunden Zeit. In Europa gehe ich dann normalerweise zum Bahnhof oder suche mir einen Markt, der sich in der Nähe des Bahnhofs befindet. Das ist dann nur ein sehr kleiner Eindruck den ich von einer Stadt bekomme. Durch die Fans die ich in den Städten treffe, baue ich aber schon einen Kontakt zu einer Stadt auf. Sie bringen mir Ihre Stadt näher, allein schon durch ihr Verhalten als Publikum.
Das Publikum unterscheidet sich also von Stadt zu Stadt?
Ja, das Publikum kann sehr verschieden sein, natürlich gibt es auch immer Gemeinsamkeiten, aber die Atmosphäre und die Stimmung sind jedes Mal leicht unterschiedlich.
Ist dafür wirklich das Publikum verantwortlich, oder sind es vielleicht doch eher die Halle oder der Club in dem das Konzert stattfindet?
Das weiß ich nicht genau, aber ich glaube schon, dass die Atmosphäre eines Konzertes schon durch die Herkunft und die Heimat des Publikums beeinflusst wird.
Auch wenn die Entfernung zwischen den Städten in denen ihr in Deutschland spielt, nicht immer wirklich groß ist, gibt es diese Unterschiede trotzdem?
Ja, die Unterschiede sind zwar nicht gravierend, aber sie sind da.
Ich habe nicht wirklich das Gefühl das "Reunion Tour" einem Konzept folgt, es ist kein Konzeptalbum im klassischen Sinne, oder?
Da hast du recht, dem Album liegt nicht wirklich ein Konzept zugrunde. Es ist mehr eine Sammlung von Geschichten die auf ihre Weise zusammen passen und thematisch konstant sind.
Es ist dennoch ein in sich homogenes Album.
Ja, da es durchaus Themen gibt die sich durch alle Songs ziehen. In den Songs begegnen einem zwar trotzdem immer sehr verschiedenen Charaktere und auch deshalb will ich es nicht unbedingt als ein klassisches Konzeptalbum bezeichnen.
In Interviews mit Dir und deinen Bandkollegen, stehen die Texte eurer Songs sehr häufig im Mittelpunkt. Sind bei den Weakerthans die Texte wichtiger als die Musik?
Dass denke ich nicht unbedingt *überlegt eine Weile*. Die Musik und die Texte stehen in einem ausgewogenen und gleichberechtigtem Verhältnis. Die Musik ist wirklich wichtig, sie ist mysteriös und wundervoll. Melodien sind ein so ungeheuer kraftvolles wie mysteriöses Konstrukt. Diese Elemente tragen natürlich unsere Texte.
Also unterstützt die Musik die Texte?
Ich bin mir da pauschal nicht ganz sicher, dass ist wirklich von Song zu Song anders. Aber es kann schon so sein.
Jetzt lass uns noch über einige Songs auf "Reunion Tour" reden. "Relative Surplus Value" zum Beispiel, ein Song der von einem Geschäftsmann handelt. Wie kamst du auf die Idee einen Song über einen Geschäftsmann zu machen?
Die Idee zu dem Song kam mir mit dem rasanten Aufstieg und folgendem Crash der dot.com Unternehmen in den späten 90ern. Diese Entwicklung hat einige große Ideen und Köpfe unserer Generation zerstört und eine ganze Menge interessanter und kreativer Leute geschluckt, die sich für Unternehmen in diesem Bereich aufgerieben haben. Das Internet ist eine wirklich bedeutende Sache für meine Generation und ich habe mir mit dem Song überlegt, was diese Entwicklung und dieses Medium mit diesen Leuten gemacht hat.
Es geht also auch darum, dass kreative Menschen für sehr viel Geld gearbeitet haben? Ist das auch eine Limitierung der Kreativität?
Ja, die Dinge an denen diese Leute gearbeitet haben sind oftmals sehr banal und limitieren ihre Kreativität. Ich halte nicht sehr viel vom Internet. Ich denke, die meisten Dinge im Internet sind wirklich überflüssig, also mal abgesehen von Emails und von ein paar anderen Dingen insbesondere zur Kommunikation. Andererseits bedeutet es aber eine ziemliche Verschwendung von Talent und Zeit.
Also ist das Medium Internet nicht sehr bedeutent für die Weakerthans?
Nein, es ist trotzdem wichtig für die Weakerthans und es ist großartig, über das Internet mit den Leuten und unseren Fans kommunizieren zu können. Auch wenn ich das Internet an einigen Punkten für gescheitert halte, ist es für uns doch ein wichtiges Arbeitsmittel.
Der Eindruck den ich von dem Album habe ist, dass (mal abgesehen von Virtute der Katze) der Charakter des Geschäftsmanns in "Relative Value Plus" derjenige ist, der dir persönlich am weitesten entfernt ist? Ist er in gewisser Weise dein Gegenpol?
Ja, das stimmt, ich kenne nicht wirklich Leute die so sind wie er. Aber ich kann mich trotzdem mit Ihm in Beziehung setzen, verstehst du, sie haben das gleiche Alter wie ich, haben den gleichen Background wie ich. Du hast aber schon recht, dass diese Menschen sehr anders sind als ich und sie auch wirklich in einer mir fremden Welt leben. Ich habe auf dieser Platte öfters versucht mich in andere Menschen zu versetzen, deren Leben ich nicht wirklich verstehe. Es ist für mich ein Versuch diese Menschen besser zu verstehen. Das ist Teil meines Songwritingprozesses.
Zum Beispiel die Person des Eishockeyplayers in "Elegy for Gump Worsley"?
Ja, klar. Ich kenne ihn nicht und habe ihn natürlich auch nie getroffen. Neben dem Hockeyplayer gibt es auf dem Album aber zum Beispiel noch den Busfahrer und einige andere.
Aber selbst wenn Du über sehr verschiedene Personen schreibst, bleibt ein Weakerthanssong trotzdem noch ein für euch typischer Song. Du könntest vermutlich über die Fabrikation von Autos schreiben und das Ergebnis würde trotzdem unverkennbar nach den Weakerthans klingen?
*lacht* Ja, das stimmt wohl und ich hoffe das auch ein bisschen. Aber du wirst wohl recht haben, dass es immer nach uns klingen wird.
Du schreibst Lieder über Bilder?
Ja, auf dieser Platte sind einige Songs über Bilder zu finden. Das hat wirklich Spaß gemacht. Es war ein Versuch visueller und beschreibender zu arbeiten.
Wie machst du das? Du gehst ins Museum, setzt dich vor ein Bild und fängst an zu schreiben?
So in etwa ist das wirklich gelaufen. Ich sah zum Beispiel "View in an empty room" und "Night Windows" 1994 in der Londoner Tate-Galerie. Ich sah die Bilder und habe mir kleine Drucke gekauft. Diese habe ich dann mit mir rumgetragen. Ich habe über die Bilder und die Künstler die sie gemalt haben gelesen, dass hat wirklich Spaß gemacht.
Aber du malst nicht auch noch selbst?
Nein, da habe ich wirklich kein Talent. Ich würde es aber gerne können
Du konzentrierst dich voll und ganz auf die Musik?
Ich betreibe in Winnipeg noch einen kleinen Verlag und veröffentliche Bücher, damit verbringe ich meine Tage und natürlich schreibe ich Musik.
Jetzt müssen wir uns noch über Virtute die Katze unterhalten. Sie hat ihr Zuhause verlassen und lebt nun in einer alten Fabrikhalle. Ist "Virtute the Cat explains her departure" ein Song den du für "Reunion Tour" geschrieben hast oder entstand er zeitnah zum ersten Song über die Katze?
Es ist schon ein neuer Song, den ich weit nach dem anderen Virtute-Song geschrieben habe.
Was wird das Schicksal der Katze im nächsten Song über sie sein?
Ich glaube kaum das ich noch mal über sie schreiben werde. Ihr sind die Wörter ausgegangen. Sie hatte schließlich nur einen sehr eingeschränkten Wortschatz. Sie ist jetzt wieder ein wildes Tier und hat ihre Sprache verloren. Außerdem mag ich die Idee, dass es so auch ein gutes Ende für sie ist. Ich glaube sie ist jetzt glücklich ohne ihren Besitzer. Ich sollte vielmehr einen Song über ihren Besitzer schreiben.
Der seine Katze vermisst?
Ja, bestimmt.
Virtute ist eine Metapher?
Ja, für viele Dinge, aber gleichzeitig ist sie auch eine Katze. Ich mag Katzen.
Zum Schluss möchte ich dich noch kurz auf die sehr aktive kanadische Musikszene ansprechen. Im Augenblick kommt eine Menge spannender Musik aus Kanada. Kannst du mir Bands und Künstler vorschlagen die ich mir unbedingt mal anhören sollte?
Oh, das ist eine gute Frage. Da gibt es eine Band aus Victoria, die heißen "The buttless chaps" und die mag ich wirklich sehr und schließlich die "Paperbacks" aus Winnipeg, deren aktuelles Album ich produziert habe.
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